Leben auf Umwegen

Aktualisiert: 20. Feb 2019

Hallo meine Lieben! Heute haben wir eine ganz besondere Gastbloggerin. Sie ist nämlich nicht nur Gastbloggerin sondern auch Buchautorin. Friederike hatte das Glück ihre Geschichte veröffentlichen zu können und zwar als Emma, einem 14-jährigen Mädchen, welches in den Strudel der Magersucht gerät. Wie es genau dazu kam und wer sie ist erzählt sie euch selber. Hier noch kurz eine kleine Verlinkung zu ihrem Facebook und Instagram Account. Und wer das Buch bestellen möchte, kann dies hier gerne tun!


Vorhang auf für Friederike:


Manchmal kann ich es gar nicht glauben, dass ich letztes Jahr, im Januar 2018, mein erstes eigenes Buch wirklich veröffentlicht habe. Auf der einen Seite bin ich stolz wie Bolle darüber. Auf der anderen Seiten habe ich manchmal Angst vor der Resonanz. Es ist nämlich nicht irgendein Buch, kein Liebesroman und auch kein Science Fiction.


Es geht um Emma, mein damals 14-jähriges Ich, das in die Magersucht rutscht und sich durch eine schwarze Welt aus Drogen und Selbstverletzung zurück ins Leben kämpft. Ja genau, es handelt sich um eine Autobiografie und trotzdem ist es viel einfacher, wenn man dem "Kind" einfach einen anderen Namen gibt - zumal Emma und ich, Friederike Wendlandt, heute nur noch sehr wenig gemeinsam haben. Ich habe mich weiterentwickelt, bin 23 Jahre alt, lebe in Berlin und habe mir ein Leben aufgebaut, das meinem ganz persönlichen Sinn des Lebens entspricht.


Trotzdem stehe ich hinter meiner Geschichte. Die Schatten, die mich überfielen, als ich von der Grund- auf die Oberschule wechselte und mich so lange begleiteten, sind ein Teil von mir aber ich identifiziere mich heute nicht mehr mit ihnen.


Schon früh kam ich mit den Themen Essen, Diäten, Essstörungen und insbesondere mit “Pro Ana” -Seiten in Kontakt. Dadurch begann ich relativ schnell, mit meinem Essverhalten zu knausern. In diesem Alter kannte ich mich nur in Ansätzen mit Diäten aus. Da kamen mir die Pro Ana Seiten und Foren gerade wie gerufen.


„Ana“ ist die Abkürzung für Anorexie, der Kosename der Magersucht. Sie stellt sich betroffenen Jungen und Mädchen als eine Art Freundin vor, die sie dabei unterstützt, immer weniger zu essen, dafür mehr Sport zu treiben und Ausreden zu finden, um ja nichts essen zu müssen. In ihren drei Briefen sagt sie, dass sie da ist, wenn man in den Spiegel sieht, eigentlich nur noch Haut und Knochen ist und man sich selbst immer noch als „Sumoringer“ sieht. Ein Sinnbild für die Körperschemastörung, bei der sich Betroffene auch dann noch als zu dick empfinden, obwohl sie in Wahrheit meist schon stark untergewichtig sind.


Wie in einer Bibel stößt man auf die 10 Gebote, Psalme und Verse, die die Magersucht auf skurrile Weise verherrlichen. So heißt es in einem Gebot “Dünn sein ist wichtiger als gesund sein”. Dabei stellt sich Ana in gewisser Weise auf dieselbe Ebene wie Gott, das höchste und allerwichtigste, das es gibt. Es handelt sich um eine Personifikation der Magersucht, fast aufs Wort genau. Nur dass das, was ich gerade brutal beschreibe, schön und erstrebenswert dargestellt wird. Bilder, sogenannten Thinsporations, sollen anspornen, so dünn wie die abgebildeten, abgemagerten Mädchen zu werden.



Und was soll ich sagen, bei mir hat das alles gewirkt und ich verlor in kurzer Zeit sehr viel Gewicht. Meine Eltern schickten mich in Folge dessen zu verschiedenen Ärzten und psychotherapeutischen Einrichtungen. Aber nichts half. Ich verzichtete bald ganz auf Nahrung, wollte noch dünner werden und konnte es nicht ertragen, wenn die Anzeige auf der Waage stehen blieb oder auch nur 100 Gramm mehr als am Vortag anzeigte. Ich hatte Panik davor, dass ich wieder richtig fett werden könnte. Obwohl ich spürte, wie mein Körper unter der Mangelernährung litt, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Ich heulte Rotz und Wasser, als mein Gewicht lebensbedrohlich wurde und ich in eine Spezialklinik eingewiesen und zum Essen gezwungen wurde. Über meine Wangen liefen salzige Tränen, während ich die Tasse mit der Flüssignahrung an meine Lippen führte oder mit der Sonde erpresst wurde. Es dauerte seine Zeit, bis ich mich wieder daran gewöhnte, Nahrung zu mir zu nehmen. Ich hasste das Krankenhaus dafür, dass mir das angetan wurde und ich nicht selbst darüber entscheiden durfte, was mit mir passierte. Ich nahm etwas zu und fühlte mich wie beraubt. Die Ärzte hatten mir das einzige in meinem Leben genommen, das mir noch blieb - die Kontrolle über meinen eigenen Körper. Nun hatten die Ärzte sie übernommen, weil ich die Kontrolle in Wahrheit schon lange nicht mehr besaß. So begann ich mich im Verlauf der Behandlung stärker und häufiger selbst zu verletzen. Ich bestrafte mich damit und holte mir die Kontrolle auf diese Weise anderweitig zurück. Trotzdem wurde ich nach drei Monaten mit einem halbwegs gesunden Gewicht entlassen.


Durch die Essstörung hatte ich mich bereits stark von meinem Umfeld distanziert, dass ich nicht in ein erfülltes Leben zurückkehrte, sondern in mir selbst versank. Ich hasste meinen Körper, ging nur noch unregelmäßig zur Schule und verletzte mich immer häufiger selbst. Die Situation Zuhause wurde für meine Eltern ein weiteres Mal untragbar, sodass ich nur kurze Zeit nach meinem ersten Klinikaufenthalt aufgrund von akuter Selbstgefährdung in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Hier wurde ich in immer regelmäßigeren Abständen zur Krisenintervention eingeschlossen und überwacht. Nachdem ich zum dritten Mal dort entlassen und wieder aufgenommen wurde, beschloss ich, dem ein Ende zu setzen und zog mit 14 Jahren in eine Kriseneinrichtung. Ich wusste, dass ich es Zuhause nicht schaffen würde. Zu sehr schämte ich mich dafür, meine Eltern in Angst und Sorge zu versetzen, als dass ich ihre Hilfe jemals hätte annehmen und mit ihnen sprechen können. Der erste Schritt war damit getan.



Obwohl ich mich im Normalgewicht befand und auch halbwegs normal aß, fühlte ich mich viel zu dick, verletzte mich selbst und dachte daran, mir das Leben zu nehmen. Dieser Gedanke wurde so konkret, dass ich es tatsächlich mehrere Male versuchte. Diese Versuche mündeten immer wieder in der Klinik. Nach einigen Monaten zog ich in eine therapeutische WG um. Hier lebte ich zwei Jahre mit fünf weiteren Jugendlichen zusammen und kam zwar sehr langsam aber sicher auf den richtigen Weg. Ich wurde liebevoll aufgenommen und bekam eine Bezugsbetreuerin zur Seite gestellt, mit der ich regelmäßige Gespräche führte. Ich baute Vertrauen zu ihr, der WG und den dort herrschenden Strukturen auf. Endlich fand ich die richtigen Ansprechpartner und erlebte bei den Gruppenaktivitäten und -reisen wieder schöne Momente im Leben, aus denen ich Hoffnung schöpfte. Trotzdem durchlitt ich in der WG-Zeit das schlimmste Tief meines gesamten Lebens. Durch mein Verhalten schottete ich mich stark von meinem restlichen, “gesunden” Umfeld ab und baute stattdessen eine vermeintliche Freundschaft zu Drogendealern auf. Hier ließ ich mich auf Dinge ein, die man eigentlich nicht aussprechen kann. Ich bezahlte die Drogen, die ich nahm, nicht mit Geld, sondern körperlich als eine Art “freundschaftliche Geste”. Das Netz an Helfern bekam den Anfang dieser Geschichte noch mit und reagierte darauf auch unmittelbar. Im weiteren Verlauf schwieg ich mich jedoch über die Vorkommnisse aus und sie begleiteten mich noch, als ich mit 16 Jahren ins Betreute Einzelwohnen ziehen durfte.


Die Autonomie, die mir durch meine erste eigene Wohnung zuteil wurde, gab mir dann endlich die Kraft, nicht mehr für oder gegen die Ärzte und Betreuer zu kämpfen, sondern endlich mal für mich! Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich wieder Ziele vor Augen, für die es sich zu leben lohnte. Ich trainierte für den 42 Kilometer langen Berlin-Marathon und schaffte es im September 2013. Währenddessen lernte ich für mein Abitur, plante danach für ein Jahr nach Bella Italia zu gehen und spielte in meinem Verein weiter Hockey. Stück für Stück erreichte ich meine Ziele und schaffte es nun auch, mir aus eigener Kraft Hilfe zu holen, wenn ich sie brauchte.


Ich weinte, als ich im Sommer 2014 in den Flieger nach Italien stieg, aus Angst vor dem Unbekannten, vor Freude und vor Aufregung. Hier lernte ich langsam mich selbst kennen. Nicht Friederike, die Magersüchtige und auch nicht die Friederike, die sämtliche Grenzen überschreitet. Ich begann herauszufinden, was mich ohne diese Krankheiten, die sich Magersucht, Depression und Borderline schimpfen, ausmachte. Es war und ist manchmal immer noch schwer, in Krisen nicht auf dieses Rückgrat zurückzugreifen. Sich hinter der Sucht zu verstecken, ist leicht aber langfristig macht das einfach nicht glücklich. Die Sucht nimmt einem buchstäblich die Lust am Leben aber genau die ist es, für die es sich so sehr zu kämpfen lohnt.


Ich möchte allen Betroffenen und Angehörigen mit meiner Geschichte Mut machen, aufklären und an das Leben appellieren. Ich weiß, dass man sich mitten in der Krise manchmal wirklich nicht vorstellen kann, dass irgendetwas je besser wird aber das wird es. Glaubt mir. Die ersten Schritte sind verdammt hart, steinhart aber bezwingbar und wenn ich das geschafft habe, schafft ihr das auch! Ihr seid nicht alleine. Holt euch Hilfe, wenn ihr sie braucht, tauscht euch aus, wenn ihr wollt und kämpft für euer Leben!



Wow, vielen lieben Dank liebe Friederike!

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