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Und dann versteckte sie ihr Brötchen im Haargummi...

Gemeinsames Frühstück in der Klinik.

Hallo meine Lieben!

So, heute ehrt euch meine Freundin Elisa mal wieder mit einem Beitrag. Vor 3 Wochen hat sie euch ja ein wenig über ihren Morgen in der Klinik erzählt und da wird sie heute einfach anknüpfen. Habt ihr eigentlich unsere coole Verlosung von Kera Rachel Cooks Buch „Hässliches Entlein war gestern“ mitbekommen? Ich fand das Jourvie Team hat das prima gemacht oder? :) Sie sollten mal öfter so Verlosungen machen!

Ich habe gerade mega Hunger und warte darauf, dass ein Freund vorbei kommt und wir endlich essen können. Es gibt venezolanisch. Habt ihr sowas schonmal gegessen? Ich experimentiere ja immer gerne wenn ich essen gehe und diesen Venezolaner habe ich wärmstens empfohlen bekommen. Solltet ihr also mal in Berlin vorbei schauen, müsst ihr unbedingt mal bei „Kärrecho“ essen! Nein, ich kenne die Besitzer nicht ;).

Un nun lasse ich die liebe Elisa mal erzählen, wie der Tag in der Klinik bei ihr so weitergeht:

So, mittlerweile ist es 6:45 und ich mache mich langsam auf dem Weg in den Essenssaal. Wir müssen am Tag drei Mahlzeiten essen. Im Essenssaal sind wir auch in verschiedenen Tischgruppen aufgeteilt.

Es gibt den E-Tisch bei dem jeder einen vom Ernährungsberater zusammengestelltes Essen essen muss und zwar alles was auf dem Tablett ist. Hier sitzt immer ein Therapeut mit am Tisch, der darauf achtet dass jeder sein Essen in der vorgesehenen Zeit ist und nichts vom Essen in seine Tasche BH oder sonst wohin steckt. Klingt vielleicht absurd, ist aber ganz und gar realistisch.

Manche Mädels hier werden richtig kreativ nur um ihr Essen nicht essen zu müssen. Ich habe sogar eine mal dabei beobachtet wie sie sich ein Stück Brot in ihr Haargummi geklemmt hat. Der Therapeut war gerade kurz abgelenkt, weil ihn die Stationsleiterin eine Frage gestellt hat und schwupps wurde das Stück Brötchen unter ihr Haargummi geklemmt. Es war echt ein wenig unheimlich, als ob sie das schon lange geplant hatte. Total Banane, aber deshalb sitzen sie eben am E-Tisch. Diese Mädchen sind meist noch so vom Wunsch besessen auf gar keinen Fall zuzunehmen, dass sie wirklich alle Tricks ausprobieren um so wenig Kalorien wie möglich runterschlucken zu müssen. Ich saß auch mal dort.

In der Klinik startet jeder am E-Tisch und darf sich, wenn er sich bewährt und zeigt, dass er tatsächlich raus aus der Höhle des Löwen möchte, darf sich an den G-Tisch setzen. Am G-Tisch sitzt manchmal ein Therapeut, manchmal aber auch nicht. Es ist alles etwas entspannter. Das siehst du auch in den Augen der Mädels, die hier sitzen. Man kann fast sagen, dass das Essen genossen wird.

Zumindest ist in den Gesichtern nicht die komplette Abscheu zu sehen. Ab und an unterhalten sich sogar ein paar von ihnen. An diesem Tisch ist man einen Schritt näher an der Normalität. Man darf sich sogar sein eigenes Essenstablett zusammenstellen und entscheiden was man isst. Ein Therapeut guckt kurz drauf, bevor du anfängst zu essen und segnet dein Frühstück ab.

Der Premiumtisch ist der F-Tisch. Hier geht es ganz freundlich zu. Sollte mal eine ihr Essen nicht schaffen redet man ihr gut zu. „Komm, du schaffst das Laura! Noch drei Bissen. Die neue Marmelade ist doch voll lecker!“

An diesem Tisch sitzt auch kein Therapeut, denn hier wird uns vertraut. Es wird darauf vertraut, dass wir gesund werden wollen, dass wir zunehmen wollen und auch darauf, dass wenn eine am Tisch doch auf dumme Gedanken kommt, die anderen sie unterstützen und wenns sein muss, eben auch einen Therapeuten hinzuziehen. Man darf auch hier sich sein eigenes Tablett zusammenstellen und muss es auch keinem zeigen, sondern darf gleich losessen.

Sollte eine Bewohnerin mal einen schlechten Tag haben oder vielleicht ein paar schlechte Tage und ist sie somit nicht in der Lage ihren vorgegebenen Teller aufzuessen wird auch schon mal mit der Magensonde gedroht. Besonders am E-Tisch kann dies gerne mal geschehen.

ACHTUNG EKELHAFT: Für die die es nicht wissen, eine Magensonde ist ein Kunststoffschlauch, der Patienten über die Nase, oder auch über den Mund in den Magen eingeführt wird. Der Schlauch ist ungefähr einen Meter lang und ein paar Millimeter breit. Innen ist er hohl, damit flüssige Nahrung in denen Bauch gepumpt werden kann. Das Ende wird außerhalb des Körpers an einen durchsichtigen Kunststoffbeutel angeschlossen, der zurückfließenden Magensaft auffängt. Über eine zweite Öffnung werden dann Wasser und flüssige Nahrung in den Magen geleitet.

Klingt wiederlich oder? So als ob man es vielleicht vermeiden und doch lieber essen sollte? Für manche klingt das logisch, doch für Mädchen, die sich super davor ekeln auch nur einen weiteren Bissen zu sich zu nehmen und den Geschmack von Essen im Mund zu haben, ist die Magensonde die einfachere Option.

Es gibt Mädels die tagtäglich, zu jeder Mahlzeit am Ende eine Magensonde bekommen, weil sie es einfach nicht schaffen ihr Essen auch nur anzurühren oder aufzuessen. Wenn sie einen Teil des Essens gegessen haben, wird geschätzt wie viele Kalorien fehlen und das wird dann in die Magensonde gesteckt. Es gibt also kein Entrinnen, aber das ist ja auch gut so, denn du bist ja da, um gesund zu werden.

Zeit ist auch ein wichtiger Faktor beim Frühstück. Egal an welchem Tisch du sitzt, du hast eine halbe Stunden Zeit um dein Frühstück aufzuessen. Ich weiß nicht wie ihr esst oder ob ihr schon Leuten mit Essstörungen beim essen zugeschaut habt aber sie essen seeeeeehr langsam und schieben gerne Essen von einer Ecke des Tellers zur anderen. Aus diesem Grund wird bei uns darauf geachtet, dass wir unser Menü innerhalb der vorgegebenen Zeit schaffen.

Am E-Tisch steht tatsächlich eine Stoppuhr, die einen immer wieder daran erinnert, wie viele Minuten man noch Zeit hat. Wenn die Therapeuten merken, dass man es wohlmöglich in der Zeit schaffen würde aufzuessen, kommen sie auch schonmal zu einem und sagen sowas wie „Elisa, spiel bitte nicht mit dem Essen, sonst schaffst du den Teller nicht mehr bis die Zeit um ist“.

Was ich insgesamt ganz cool finde und was viele der Patientinnen von Zuhause nicht kennen ist, dass keiner hier „ärger“ fürs nicht essen bekommt. Klar, gibt es unsere Aufteilungen in verschiedene Tische usw. aber keinem wird irgendwas vorgeworfen. Keinem wird gesagt „och Elisa, jetzt haben wir hier so schön das ganze Essen vorbereitet und du schaffst es nicht mal aufzuessen“ oder so dumme Sprüche wie „schämst du dich nicht, die Kinder in Äthiopien sterben an Hunger und du hungerst dich hier absichtlich zu Tode“. Ja, ich habe beides schon gehört, so unsensibel können Mitmenschen manchmal sein.

Hier ist das aber nicht so. Die Therapeuten pushen uns zwar immer wieder und versuchen uns dazu zu motivieren uns mehr zuzutrauen. Sie können auch schon mal streng sein, aber sie sind immer fair. Wenn wir es mal nicht schaffen unser Essen aufzuessen, reden sie mit uns. Versuchen zu ergründen, woran es heute gelegen hat und unterstützen uns, denn das was viele Angehörige und Freunde nicht verstehen ist, dass wir ja auch nicht glücklich sind, wenn wir unseren Teller nicht aufessen. Vor allem wenn wir schon eine Weile in der Klinik sind und unser Ziel es ist, gesund zu werden, ist es für uns auch ein Rückschlag, wenn wir es nicht schaffen aufzuessen. Das ist dann auch für uns nicht einfach. In solchen Momenten brauchen wir jemanden der uns gut zuredet und uns keine Vorwürfe macht und genau den support kriegen wir in der Klinik.

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