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Oh du unheimliche Weihnachtszeit

Survival Guide für Menschen mit Essstörungen

Weihnachten steht vor der Tür. *Achtung ironischer Tonfall* Jippyyy! Die Welt um mich herum freut sich, alle sind im Kaufrausch. Ich kämpfe mich in der Stadt durch die Menschenmassen. Bei Karstadt in der Kinderabteilung noch was für Cousinchen Ella holen, schnell noch zu Lush um ein paar Seifen für die Tanten zu besorgen und dann noch einen Eierlikör für Oma und Opa und dann viel zu lang in der Schlange stehen um die ganzen anderen Kleinigkeiten zu bezahlen.

Jedes Jahr das selbe. Jedes Jahr nehme ich mir vor alles schon früh zu besorgen und jedes Jahr scheiter ich kläglich an dem Vorhaben und springe dann doch noch last minute in die überfüllte Innenstadt.

Um mich herum herrscht aufgeregte Vorfreude. Ich höre die Menschen quasseln, sich austauschen, was gibt es an Weihnachten dieses Jahr zu essen? Gans? Fleischfondue oder doch einfach nur Kartoffelsalat und Würstchen? Mir wird schlecht.

Weihnachtszeit, Plätzchenzeit, Magenvollstopfzeit. Ich will aber nicht. Ich kann ja auch gar nicht. Ich bin doch gerade noch dabei aus diesem Alptraum, meiner Essstörung, zu erwachen, gerade erst dabei mich zu bessern, gesund zu werden.

Ich sehe mich schon da sitzen mit allen anderen am festlich gedeckten Tisch. Die kritischen Blicke der Tanten, das zaghafte Flüstern: „Haste das gesehen Gisela, sie isst schon wieder nix.“ „Wie? Aber sie war doch in der teuren Klinik. Sie war doch wieder gesund?“ „Ja, das hatte Martina (meine Mutter) doch gesagt. Ist das dann jetzt ein Rückfall?“ Meine Mama wirft mir einen genervten Blick zu der mir quasi sagt: „Toll Sarah, jetzt darf ich mir später wieder die Vorwürfe anhören. Hättest du nicht einfach ein paar Happen essen können um uns allen das Leben zu erleichtern?“

Nein. Nein, Mama das hätte ich nicht gekonnt, denn es ist eben alles andere als das. Einfach. Es ist ziemlich schwer. Das ganze Gewusel, die ganzen Gerüche, das viele Essen, die Gespräche die sich ums Essen drehen „Sarah, hast du schon die Klöße probiert? Sind die nicht super lecker?“ NEIN, das habe ich nicht Tante Gisela, denn der bloße Gedanke an die 338 Kalorien der 2 Klöße auf dem Teller, plus der 180 Kalorien der Gänsebrust und der 80 Kalorien des Rotkohls lösen in mir einen Brechreiz aus. Ganz geschweige von dem darauffolgenden Nachtisch, bei uns meist Mousse au Chocolat, wovon eine Portion, also 150 Gramm, 530 Kalorien ergibt. Bei den Berechnungen habe ich die Tomatencremesuppe vergessen, die nochmal weitere 120 Kalorien hinzufügen würde. Insgesamt wären wir dann bei verrückten 1248 Kalorien. Das ist ja fast ein Tagesgehalt an Essen in einer Mahlzeit!

Und bei dem Gedanken an die Menge und wie krass ich zunehmen würde, wenn ich dieses Fett und den ganzen Zucker tatsächlich zu mir nehme habe ich Lust einfach in der Klinik zu bleiben. Weihnachten alleine zu verbringen, dass zu essen, was ich mir vorgenommen habe und damit zufrieden zu sein, dass ich es geschafft habe meinen sorgfältig geplanten Teller leer zu essen.

Geht es euch vor Weihnachten auch so? Kennt ihr diese Angstzustände?

Nun ich habe mal ein paar Tipps und Tricks gesammelt, wie ihr es über die Weihnachtstage schafft, ohne in Panik zu verfallen.

1. Ihr seid KEINEM IRGENDWAS schuldig! Lasst die Tante reden, die Mama blöd gucken. Ihr müsst nicht die riesen Portionen essen die euch aufgetischt werden, ihr müsst sowieso nicht das essen, was alle anderen essen, wenn es euch anekelt. Ich weiß, dass ist viel leichter gesagt als getan aber es ist trotzdem wichtig sich genau diesen Satz nochmal vor Augen zu führen: ICH BIN NIEMANDEM ETWAS SCHULDIG!
 

2. Bereitet euch gut auf die Tage vor. Überlegt, euch, wem ihr begegnen werdet und wer was sagen wird, damit ihr auf Nachfragen und Kommentare reagieren könnt. Ich fühle mich immer wohler, wenn ich das Gefühl habe, dass ich weiß, was ich in etwa sage, wenn mir jemand etwas an den Kopf wirft. Ich bin mir sicher, bei euch sagen die Verwandten auch jedes Jahr das selbe zu dir, also kann man das ganz gut vorhersehen und vorplanen.
 

3. Bereitet euren Tagesablauf vor und versucht euren alten Tagesablauf, den ihr zum Beispiel aus der Klinik kennt, irgendwie beizubehalten. Routinen sind, wie ihr ja schon wisst, das A und O um sich wohlzufühlen. Das heißt natürlich nicht, dass ihr jede Sekunde des Tages durchgetaktet haben sollt, denn wir wissen, dass es um die Weihnachtszeit Zuhause etwas chaotischer werden kann, doch wenn ihr euch an eine nicht allzu strenge Routine haltet klappt das schon, glaubt mir!
 

4. Plant euer Essen. Überlegt euch gut was ich morgens, mittags, abends Essen werdet. Fragt am besten nochmal nach was gekocht wird und nehmt sucht euch, das raus was euch schmeckt bzw. in eure Routine passt. Wenn euch der Gedanke an 2 Semmelklöße den Appetit versaut dann überlegt euch eine kleine Alternative damit ihr euch wohl fühlt und trotzdem auf eure gewohnte und gesunde Kalorienzufuhr kommt.

5. Plant Me-Time ein. Vor allem wenn das Haus voll und laut ist plant Zeit ein, in der ihr alleine seid und euch entspannen und von dem ganzen Chaos beruhigen könnt. Ist es Zuhause zu voll und laut könntet ihr zum Beispiel jeden Tag einen schönen, langen Spaziergang einplanen oder ihr könntet ein Buch mitnehmen und einen Tee trinken gehen.

6. Überlege dir wer deine Vertrauenspersonen sind. Wir haben zum Beispiel in der Klinik immer ein Notfalltelefon welches wir auch an Weihnachten zu jeder Zeit anrufen können, wenn uns die familiäre Welt Zuhause etwas zu viel wird.

Mir hat es zum Beispiel auch immer geholfen mit meinen Mitpazientinnen der Klinik die Nummern auszutauschen und in Kontakt zu bleiben. Ob eine kleine ermunternde Whatsappnachricht am Essensstisch oder ein kurzer Anruf vom Klo aus, es ist gut zu wissen, dass da jemand ist, der gerade eine ähnliche Erfahrung durchmacht.

Noch besser ist es natürlich jemanden Vorort zu haben. Vielleicht habt ihr ja eine nette Tante der ihr vertraut oder ein Geschwisterkind, dass einem beisteht und einen vielleicht verteidigt, wenn die Oma mal wieder vor allen sagt, dass man viel zu dünn ist.

Ihr seht, das A und O ist planen, planen, planen! Seid gut vorbereitet, dann kommt es zu weniger Überraschungen. Klar wird es die ein oder andere Überraschung geben oder den ein oder anderen unangenehmen Moment. Doch wer kennt so Momente nicht aus der Weihnachtszeit? ;). Weihnachtszeit bedeutet immer ein wenig Stress, doch es ist ja auch eine schöne Zeit, die man genießen kann, vor allem wenn man perfekt vorbereitet ist ;).

Ganz liebe Grüße!

Eure Sarah <3

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