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Ein Morgen in der Klinik

Einblick in die Welt einer stationierten Esssgestörten

Hallo meine Lieben!

Wie gehts es auch denn so? Scheint bei euch die Sonne auch ganz überraschend und wunderschön wie bei uns gestern und heute? Ich habe mich ja soooo gefreut mal wieder mit dem Fahrrad fahren zu können und mich tatsächlich mit einem Tee und einem Buch auf den Balkon setzen zu können. Ich war sogar fast ein wenig enttäuscht, dass ich nicht braun geworden bin, so schön hat die Sonne meine Haut gewärmt :). Erzählt mal, wie ihr so diese traumhaften Tage verbringt? Am Wochenende soll es nämlich gleich wieder doof werden. Also jetzt nicht katastrophal, aber eben nicht mehr ganz so sonnig.

Diese Woche schreibt eine alte Freundin von mir, Elisa, einen kleinen Beitrag über ihre Erfahrungen in der Klinik. Dabei wird sie heute ganz speziell von ihrem morgendlichen Gang zur Waage und der Angst vor Zunahme erzählen. Ich habe sie darum gebeten, weil sie relativ lange und immer wieder in Kliniken war und ich sie jetzt mal als „Klinik-Expertin“ betiteln würde. Ich muss auch gestehen, dass es uns vom Jourvie-Team nicht ganz so leicht gefallen ist jemanden zu finden, der von seiner Zeit in der Klinik berichten will. Ich nehme mal an, dass das doch eine ziemlich traumatische Erfahrung ist, da viele ja erst in die Klinik gehen, wenn es sonst so gar nicht mehr geht. Oder liege ich da falsch? Andererseits sehe ich auf Instagram auch immer wieder Posts von Leuten die ihr Zimmer, das tolle Klinikessen oder ihre Freunde aus der Klinik vorstellen und dabei echt ganz happy wirken, aber auf insta ist ja auch nicht immer alles so wie es scheint ne?

So und jetzt ist Elisa dran mit ihrem Beitrag zu einem Tag in der Klinik:

„Rrrrrrriiiiiiiing“ es ist Montag, 6:15 Uhr und der Wecker klingelt. Eigentlich so, wie vor der Schule, als alles noch irgendwie ok war. Doch ich bin nicht Zuhause in meinem Bett, ich werde gleich nicht noch ein zweites Mal von meiner Mama aus den Federn gerissen, die jeden Morgen pünktlich 10 Minuten nachdem mein Wecker geklingelt hat, in mein Zimmer gesprungen ist und „Eliiiiiisa, jetzt aber los!“ gerufen hat.

Nein, so ist es momentan nicht. Stattdessen höre ich, wie die weißen Gummisohlen der PflegerInnen „quietsch, quietsch“ über den Boden ratschen und wie die ersten frühen Vögel die Türen aufmachen und sich ins Bad quälen.

Laut ist es aber eigentlich nicht, denn wir Essgestörten sind selten laut. Wir stampfen nicht mit den Füßen und rennen über den Flur, wie mein kleiner Bruder und schmeißen auch keine Türen, wie mein großer Bruder es Zuhause gerne mal tut. Nein, hier hört man schleichende, sich ziehende Füße, die müde den Gang entlangschlurfen.

Außerdem hört man Rollen, denn ein paar unserer PatientInnen sind so schwach, dass sie nicht mehr laufen können. Sie werden dann von einer KrankenhelferIn morgens abgeholt und förmlich aus dem Bett in den Rollstuhl gehievt und dann ins Bad geschoben, wo man ihnen auch dabei helfen muss auf Toilette zu gehen usw.. Immer wenn ich die Rollen höre, sage ich mir „so weit soll es bei mir nicht kommen!“ Doch so einfach ist das natürlich nicht.

Nachdem ich mich angezogen habe werfe einen kurzen Blick auf meinen Wochenplan. Mist, heute steht dick und fett WIEGEN mit Viola drauf. Die Pflegerin Viola ist super nett, gegen sie habe ich auch nichts aber das Wort wiegen jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Ich schleppe mich also zu ihr, wobei jeder Schritt sich schwer anfühlt. Meine Schultern und mein Kopf hängen runter, denn erstens schaffe ich es nicht gerade zu laufen, dafür tut mir alles zu sehr weh und zweitens habe ich auch einfach keinen Bock drauf.

Ich klopfe. „Komm rein“, ruft Viola fröhlich. Der scheint irgendwie immer die Sonne aus dem Arsch zu scheinen. Naja, ist ja auch ganz nett, im Vergleich zu den ausgehungerten Trauergestalten die man hier sonst so zu Gesicht bekommt.

Mittlerweile bin ich schon lange genug hier, die Klinik kennt mich gut genug, somit muss ich mich nicht bis auf die Unterhose ausziehen bevor ich auf die Waage steige. Sie wissen, dass ich nichts verstecke, denn ich will ja auch gesund werden. Zumindest ein Teil von mir.

Wiegen müssen wir uns alle drei Tag. Von den Werten wird dann eine Gewichtskurve erstellt, die dann mit dem Therapeuten besprochen werden kann. Sie sollte natürlich soweit es geht nach oben gehen oder zumindest ab einem gewissen Level konstant halten.

Ich stehe vor der Waage und mir wird ganz mulmig. Was habe ich gestern nochmal gegessen? Und vorgestern? Bestimmt viel zu viel! Es ist immer so ein zweigeteilter Kampf der in mir vorgeht während ich vor der Waage stehe.

Einerseits ist es ja gut, wenn ich zunehme, andererseits darf es auf keinen Fall zu viel sein! Wenn die Zahl zu sehr nach oben springt wird mir schlecht. Dann bekomme ich Angst, große Angst: Was ist, wenn sich mein Körper mit der Gewichtszunahme „angesteckt“ hat? Was, wenn ich nicht mehr aufhöre zuzunehmen und immer fetter und fetter werde??

Mein Puls rennt mir davon, ich spüre mein Herz immer lauter pochen. „Auf gehts“, sagt mir Viola ermunternd und legt mir eine freundliche Hand auf die Schulter. Ich halte die Luft an und mache einen Schritt nach vorne auf die Platform der Waage.

„39,2“, sagt Viola tonlos. Mein Puls verlangsamt sich, mein Herz schlägt wieder normal. 39,2. Das ist ok, das ist gut, das ist nichts besonders. Es sind zumindest noch keine 40 Kilo. 40, wie ekelhaft das klingt. Meine Mutter fand es auch total doof als sie 40 Jahre alt wurde, warum sollte ich dann die Zahl gut finden müssen?

Vor 3 Tagen wog ich 39,1. 100 Gramm zugenommen. Ein Schritt in die richtige Richtung meiner Gewichtskurve und ein Schritt den mein Kopf ertragen kann.

Als ich in der Klinik ankam wog ich 37 Kilo und musste erstmal zwangesernährt werden. Das war hart, da nimmt man erstmal schwupps zu und kriegt es gar nicht richtig mit.

In unserer Klinik wirst du immer in Gruppen eingeteilt, quasi je nachdem wie sehr sie dir vertrauen und in welchen Stadium du bist. Unter anderem gibt es auch „Gewichtsklassen“. Rot, Grün und Gold. Ihr könnt euch ja denken wofür sie stehen.

Als ich ankam war ich natürlich rot und mittlerweile bin ich bei grün angekommen. Manchmal weiß ich gar nicht genau, ob ich es zur goldenen Gruppe schaffen möchte. Klar, bedeutet das, dass ich höchstwahrscheinlich bald raus darf, dass ich meine Familie und meine Freund wiedersehen darf. Doch andererseits, bedeutet das auch, dass ich wieder in die Welt raus muss, die mich überhaupt erst dazu gezwungen hat, mich hier reinzuhungern.

Davor habe ich Angst, doch größer ist vielleicht die Angst immer mit dieser doofen Krankheit, dieser blöden Ana leben zu müssen die das eigene Leben so sehr einschränkt und so schwierig macht. Vielleicht wäre es also doch nicht so doof, es tatsächlich zur goldenen Gruppe zu schaffen?

End

Wow, erstmal danke liebe Elisa für diesen tollen Beitrag! Bin super stolz auf dich mein Schatziii :-*. Du hast es schon so weit gebracht und ich bin mir sicher mit deinen Beiträgen wirst du viele Leute inspirieren und ihnen auf ihrem Weg helfen!

Wie immer der Aufruf, falls ihr Kommentare/ Fragen habt, meldet euch einfach bei mir unter sarah.m@jourvie.com und falls ihr auch mal etwas auf unserem Blog posten möchtet, meldet euch einfach bei mir und wir machen mit dir etwas fest :).

Schönen Abend noch <3

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