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„Du hast doch nur eine Essstörung“ Teil 2.

Gastbeitrag zum Thema: Mangelndes Verständnis für Essstörungen

Aufgepasst liebe Jourvie Community! Hier ist der lang ersehnte 2. Teil unserer Gastbloggerin alias "Claire". Seid ihr genauso gespannt wie ich? Wir vom Jourvie-Team sind so unglaublich dankbar dafür, dass "Claire" beschlossen hat einen so persönlichen Abschnitt ihres Lebens mit uns zu teilen. Das ist wirklich super toll von dir!

 

So, ich halte euch nicht länger mit meinem Gelaber auf. Es geht weiter mit dem 2. Teil von "Du hast doch nur eine Esstörung":

Dieses Jahr musste ich schließlich mein Abitur abbrechen um in eine Klinik zu gehen. Ich konnte einfach nicht mehr. Zu allem Übel hatte ich dazu das Gefühl nirgendwo ernst genommen zu werden. Klar ich sah ja auch „normal“, wenn nicht sogar leicht pummelig aus und wurde sowohl von Ärzten wie auch Therapeuten nicht ganz so ernst genommen, wie ich es erwartet hätte. Sie schienen nicht zu begreifen wie schrecklich ich mich fühlte. Objektiv betrachtet bestand ja auch „keine Gefahr“. Es macht mich auch heute noch wütend wenn ich Sätze höre wie: „Naja also du hast ja eine normale Figur, da kann deine Essstörung ja nicht so schlimm sein“. Natürlich kann sie das. Sie kann genauso psychisch belastend sein, wie für Leute die an der puren Form der Anorexie leiden. Essstörungen spielen sich hauptsächlich im Kopf ab und haben im Grunde nichts mit der Figur zu tun. Außerdem sind Essgestörte meiner Meinung nach allesamt Süchtige. Süchtig nach Essen, süchtig nach Leere, süchtig nach Kontrolle über ihren Körper. Und wer würde sich erlauben einem Alkoholsüchtigen zu sagen, dass sein Problem ja wohl nicht so ernst sein kann, nur weil sein Leben und er selbst trotz Sucht noch zu funktionieren scheint?

 

Es war also ein täglicher Kampf. Wenn ich morgens schon etwas „Unerlaubtes“ oder etwas zu Kalorienreiches gegessen hatte, hatte ich verloren. Mein Kopf dachte nur noch in Extremen. Alles oder Nichts. Schwarz oder weiß. Hungern oder Fressen. Es ist eine Sucht ganz klar. Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne. Wie im Wahn stopfte ich das Essen in mich hinein, wusste teilweise nicht mal mehr wie es geschmeckt hatte. Ich rannte beinahe zum nächsten Supermarkt, kaufte, was ich in die Finger bekam und aß alles bis auf den letzten Rest auf. Es durfte mich niemand stoppen in diesem Moment, sonst konnte ich höchst aggressiv und gereizt werden. Beim Essen durfte mich auch niemand stören beziehungsweise erwischen. Denn diese Anfälle sollte schließlich niemand mitbekommen, alles geschah heimlich. Ich war die Abhängige und das Essen war meine Droge. In dem Moment, in dem ich aß, fühlte ich ein kurzes Glücksgefühl, konnte für einen Moment alles um mich herum vergessen und bekam Abstand von meinen Gefühlen. Als die Fressanfälle allerdings immer häufiger wurden hatte ich nur noch Angst. Angst nie wieder die Kontrolle zu bekommen, für immer weiter zu essen und mich ansonsten komplett sozial zu isolieren. Denn mein Selbsthass wuchs mit jedem Fressanfall weiter. Schließlich hatte ich sogar Suizidgedanken und sah keinen Sinn mehr in meinem Leben.

Auch heute noch lebe ich in einem Wechsel aus Hungern und Fressen. Inzwischen bin ich 18 Jahre alt und ich kämpfe diesen Kampf schon lange Zeit, finde aber trotzdem keinen Ausweg. Mein soziales Umfeld leidet auch sehr darunter. Nach diesen Fressattacken falle ich nämlich regelmäßig in ein depressives Loch und isoliere mich von allem. Dies geschieht mehrmals die Woche und man könnte meinen ich hätte eine manisch-depressive Depression. Ich gehe dann nicht mehr an mein Handy, sage Verabredungen kurzfristig ab und möchte mit niemandem reden. Ich sehe in solchen Momenten einfach keinen Ausweg und ja auch einfach keinen Sinn mehr im Leben. Ich kann überhaupt nicht mehr spontan sein und habe Angst vor festen Terminen, weil ich nicht weiß, ob ich sie einhalten kann.

Es ist ein ständiges Auf und Ab. Seit einigen Monaten habe ich auch noch einen Bewegungszwang entwickelt, sodass ich täglich eine bestimmte Strecke laufen muss. Wenn ich diese geschafft habe und auch bei meinen „erlaubten“ Kalorien geblieben bin, geht es mir gut. Nur dann habe ich das Gefühl ausgeglichen unter Leute gehen zu können, ansonsten fühle ich mich ständig getrieben von einer inneren Unruhe, die mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Allerdings verbraucht das Ganze sehr viel Zeit, sodass ich mich teilweise sogar auf meiner derzeitigen Arbeitsstelle krank gemeldet habe um meinem Bewegungsdrang nachzukommen. Meine Eltern sehen das natürlich alles nicht. Sie können sich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt wieder einmal die Kontrolle zu verlieren und wieder einmal zu denken, dass das eigene Leben so keinen Sinn hat. Sie verstehen nicht, wie es ist stundenlang zu laufen, nicht weil man es will, sondern weil der Kopf einen dazu zwingt. Sie sehen dann nur, dass ich beispielsweise grundlos einen Tag auf der Arbeit „krank mache“.

Wenn ich zu viel gegessen und mich meiner Meinung nach zu wenig bewegt habe, habe ich das Gefühl meine Welt würde zusammenbrechen. Es fühlt sich dann an, als würde jedes Kilo mehr auf der Waage mir immer weiter meinen Lebenswillen aussaugen. Manchmal kann ich dann nur in meinem Bett liegen, alles andere würde mir zu viel Kraft rauben. Der Selbsthass und das Gefühl niemals gut genug zu sein, sind dabei so präsent, dass ich manchmal Angst habe verrückt zu werden.

Meinen Freunden traue ich mich nicht zu erzählen, wie es mir wirklich geht. Ich musste nun leider schon so oft die Erfahrung machen, dass ich einfach nicht verstanden und ernst genommen wurde. Wenn meine Eltern dann auch noch wie anfangs erwähnt meine Situation herunterspielen fühle ich mich meistens noch schlechter. Aussagen meines Vaters wie: “Ach jedes zweite Mädchen hat doch heute eine Essstörung, das ist doch schon normal.“, machen mich einfach nur wütend. Nein es ist nicht normal und es ist auch nicht in Ordnung das einfach so hinzunehmen und runterzuspielen.

Das Essen hat für mich nämlich eine tiefere Funktion. Es steht entweder für „Leistung“ oder für das „Versagen“. Es geht nämlich nicht nur um das Essen oder eben das Nicht-Essen. Das ist nur die Oberfläche. Es steckt so viel Verzweiflung, Selbsthass, Wut und Trauer dahinter, dass es einen fast auffrisst. Es ist ein täglicher Kampf, mit dem ich trotzdem in irgendeiner Weise versuche klarzukommen um eine normales Leben führen zu können. Manchmal gelingt es mir mehr, manchmal auch weniger.

Ich wünsche mir von der Gesellschaft einfach ein bisschen mehr Verständnis und Akzeptanz. Essstörungen sind nämlich wirkliche psychische Krankheiten, die man sich weder aussucht noch freiwillig bekommen will. Ich hoffe mit meinem Beitrag konnte ich etwas helfen die Hintergründe und das Ausmaß von Essstörungen zu erklären und möchte darauf aufmerksam machen, dass ein solches Verhalten ein bisschen mehr beinhaltet, als die bloße Sorge um das eigene Gewicht und das Aussehen.

Ende.

Wow! Was für eine Story! "Claire" hat vollkommen recht. Essstörungen werden viel zu sehr stigmatisiert, belächelt, versteckt und ignoriert. Keiner hat "nur" eine Essstörung es ist eine Krankheit, genau wie Depressionen oder auch Krebs. Die Menschen die davon betroffen sind brauchen unsere Unterstützung unser Gehör!

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