Return to site

Die etwas andere Geschichte:
Magersucht im Alter.

Deborah S. (48) und ihr jahrzehntelanger Kampf mit der Krankheit Magersucht.

Liebe Jourvie-Community,

heute haben wir einen etwas anderen Gastbeitrag für euch. Es dreht sich heute um Deborah S., die schon seit über 25 Jahren mit der Magersucht kämpft.

Sie hat durch die Essstörung viel Leid erfahren und sehr viel verloren. Nun geht sie mit der Geschichte an die Öffentlichkeit, um andere junge Frauen vor der Krankheit und einem leichtfertigen Umgang damit zu warnen.

Kapitel 1:

Mein vergangenes letztes Jahr

Wie alles begann

Vielleicht hilft es mir, meine Geschichte aufzuschreiben, um auf diesem Weg ansatzweise zu verarbeiten was geschehen ist.

Ein kleiner Erfolg wäre schon, die seit einem Jahr auf mir lastende Schwere, die lähmende Traurigkeit, zu mindern.

Ein Versuch ist es wert.

Früher habe ich immer von meinem ersten Leben gesprochen.

Gemeint war damit ungefähr die Zeit bis Mitte oder Ende 20. In meiner Erinnerung ist es eine eher sorgenfreie, leichtere Lebensphase. Verantwortung spielte noch nicht so eine große Rolle bzw. hatte nicht so einen erdrückenden, belastenden Charakter. Die Zukunft lag vor mir und ich konnte noch davon träumen, aus meinem Leben etwas zu machen oder zumindest daran glauben, dass es einen aufsteigend positiven Lauf nimmt.

Seit dem 27.April 2016 ist nun dieser Tag die einzig entscheidende Zäsur in meinem Leben.

An diesem Tag habe ich alles verloren was mir lieb war und etwas bedeutet hat.

An dem Tag habe ich meine Kinder verloren.

Bald nähert sich der Jahrestag und es ist mir nach wie vor nicht möglich, davon zu sprechen oder auch nur daran zu denken, ohne dass die Tränen kommen. Die Kinder waren mein Lebensinhalt, meine Familie.

Um es erklären und auch für mich strukturieren zu können, versuche ich mal, den Verlauf der Ereignisse zu schildern, ohne dabei allzu weit in die Vergangenheit abzudriften.

Dazu komme ich eventuell später.

Meine Magersucht besteht wahrscheinlich schon seit der Kindheit oder zumindest seit meiner Jugend.

Allerdings hat sich diese Krankheit –was eher untypisch ist- schleichend in mein Leben gedrängt und somit extrem langsam zu einem kontinuierlichen Gewichtsverlust geführt.

Ende 2015 wog ich dann nur noch um die 34 kg was bei einer Größe von ungefähr 1,62 m definitiv zu wenig ist.

Mein Arbeitgeber wurde darauf aufmerksam und ich wurde erstmalig zu einem Gespräch im Personalamt vorgeladen.

Man stellte mich vor die Wahl, das Gewicht im Rahmen eines stationären Klinikaufenthaltes zu erhöhen oder eine krankheitsbedingte Freistellung vom Dienst zu akzeptieren. Diese würde nach einer bestimmten Zeit bei ausbleibender Gewichtszunahme zu einer Versetzung in den Vorruhestand führen.

Ich habe immer sehr gerne gearbeitet, die Arbeit nie als notwendiges Übel angesehen. Meine Arbeit hatte einen hohen Stellenwert, da es der einzige Bereich in meinem Leben war, wo ich mit Sicherheit sagen konnte: „Ich leiste etwas“. Eigentlich habe ich lediglich in der Ausübung dieser Tätigkeit Selbstbewusstsein gezeigt. Nach all den Jahren, die ich mit dem Aufgabengebiet betraut war, konnte ich sicher sein, gute Ergebnisse vorzubringen. Der Perfektionismus, der ebenfalls eine Folge der Magersucht ist, hat sein Übriges getan.

Die Ansage seitens des Arbeitgebers stellte daher ein echtes Problem dar.

Einen Klinikaufenthalt habe ich rigoros abgelehnt.

Wahrscheinlich hatte diese strikte Weigerung mehrere Gründe.

Zum einen habe ich wahnsinnige Angst davor gehabt, die Kinder zu verlieren. Da ich mir in meiner Mutterrolle absolut nicht sicher war und wusste, dass ich den Kindern oft das Leben zur Hölle machte, wollte ich die beiden unter keinen Umständen längere Zeit Andreas und seiner Familie überlassen.

Ohne es ausgesprochen zu haben, war mir wahrscheinlich da schon klar, dass sie dann auch bei ihm bleiben wollen, weil es ihnen dort einfach besser gehen würde.

Mit dem mangelnden Gewicht geht auch ein extremer Mangel an Nervenstärke, Geduld und Gelassenheit einher. Leidtragende waren meine Kinder. Unsere Beziehung kann man als absolut problematisch bezeichnen.

Das volle Ausmaß ist mir leider, wie so vieles, erst im Nachhinein bewusst geworden. Aber dazu komme ich später ausführlich.

Darüber hinaus hätte ein Klinikaufenthalt tatsächlich zu einer erheblichen Gewichtszunahme geführt. Zu diesem Zeitpunkt war ich in keiner Weise dazu bereit.

Was also tun? Ich wollte weder meine Arbeit verlieren noch kam die stationäre Therapie für mich in Frage.

Mit der mir eigenen Energie und Beharrlichkeit habe ich es letztlich geschafft, einen Kompromiss herbeizuführen.

Ich sicherte zu, mir einen Therapeuten zu suchen, der mich ambulant „heilen“ sollte. Ferner sagte ich zu, regelmäßige Untersuchungen mit Gewichtskontrolle vom Hausarzt durchführen zu lassen.

Seit einiger Zeit führte ich auch regelmäßige Gespräche mit einer Suchtberaterin des sozialpsychiatrischen Dienstes. Zu diesen Terminen bin ich sehr gerne gegangen. Noch heute nehme ich diese Möglichkeit wahr. Die Mitarbeiterin ist sehr nett, absolut empathisch und noch dazu Expertin für Essstörungen. Es tat so gut, endlich mal mit jemandem zu reden, der weiß was einen umtreibt mit dieser furchtbaren Erkrankung.

Über beide Untersuchungen sollte ich regelmäßig den Nachweis erbringen und auch weiterhin die Suchtberaterin aufsuchen.

Ich hatte mich also gerettet.

Im Nachhinein kann ich jetzt nur erstaunt feststellen, dass auch in dieser Hinsicht weder die volle Tragweite der Ereignisse noch die etwaigen Konsequenzen eines Nichteinhalten der getroffenen Vereinbarungen in mein Bewusstsein vorgedrungen sind.

Es verging ein gutes halbes Jahr, in dem ich meines Erachtens pflichtgemäß meinen Part der Vereinbarungen einhielt.

Der einzige Therapeut, der bereit war, mich mit diesem lebensbedrohlichen Gewicht ambulant zu behandeln, war eine Katastrophe.

Da ich, wie bereits erwähnt, schon jahrelang krank war, kann ich auch auf eine beachtliche Therapieerfahrung zurückgreifen.

Mit diesem Therapeuten kam ich gar nicht klar, ging absolut unwillig dorthin. Aber es mangelte an Alternativen und ich wollte meinen Arbeitsplatz behalten.

Mein Wunschtherapeut, bei dem ich heute bin, hatte mir schon bei einem Gewicht von 35 kg als Ablehnungsgrund sehr drastisch erklärt, er mache keine Sterbebegleitung. Ich mag solche klaren prägnanten Ansagen.

Ungeachtet der Tatsache, dass ich meinen Teil der Vereinbarung einhielt und mein Gewicht bei 34 bzw. 33 kg (übliche, geringe Gewichtsschwankungen) blieb, wurde mir dann im März seitens des Personalamtes und der Amtsärztin mitgeteilt, ich würde nun vorübergehend dienstunfähig geschrieben.

Offensichtlich hatten sich Kollegen an das Personalamt gewandt und ihre Besorgnis ausgedrückt. Treppensteigen ging nur noch schleichend, was ich zugebe. Angeblich habe ich auch beim Gehen über den Flur geschwankt.

Wenn ich jetzt zur Schilderung dieses Teils meiner Geschichte komme muss ich gestehen, eventuell nicht mehr alles ganz schlüssig und lückenlos darstellen zu können.

Das Ganze hat mich tatsächlich zum einen –im wahrsten Sinne des Wortes- geschockt. Darüber hinaus führte der unglaublich schlechte Gesundheitszustand zu einer unwirklichen Wahrnehmung. Wenn ich jetzt daran denke und versuche, darüber zu schreiben kommt es mir vor, als betrachte ich einen Zeitraum wie im Nebel, irgendwie verschleiert.

Bei einem Gewicht von 33 kg schafft der Körper nur noch das absolute Mindestmaß, um zu überleben. Mir fiel wirklich das Atmen schwer. Morgens kam ich die Treppen zu Hause nur mit Pausen hoch und runter. Erstaunlicher Weise besserte sich dies geringfügig im Laufe des Tages trotz ausbleibender Nahrungszufuhr.

Aber auch das Denken leidet bei diesem Untergewicht. Natürlich war ich grundsätzlich noch bei klarem Verstand. Nur ließen mich viele Begebenheiten, die im Normalzustand zu Gefühlsregungen geführt hätten, kalt. Ich nahm Dinge hin, akzeptierte selbst krasseste Maßnahmen relativ unbeeindruckt.

Als prägnantes Beispiel kann ich schildern, dass mir mein Fitnessstudio, in dem ich seit mehr als 10 Jahren Mitglied war, das Training untersagt hat. Ich habe für das Teilnehmen an den zwei wöchentlichen Stepaerobic-Kursen gelebt. Egal was anstand, ich ließ diese nie ausfallen. Aber auch das Trainingsverbot nahm ich hin.

Auf eine Art genoss ich sogar die Besorgnis der Studioleitung, die sich mit mir in einem intensiven Mailkontakt ausgetauscht hat. Dort hatte man sich wirklich mit der Thematik Magersucht beschäftigt und freute sich, dass ich dies nicht leugnete sondern darauf einging.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich die Kurse zum Schluss auch nur noch ganz schwer geschafft. An den Kurstagen bekam ich morgens bereits Angst davor.

Ich hatte also mit einem Mal meine Arbeit und mein einziges Hobby verloren.

Aber richtig gelitten habe ich unter der Situation irgendwie gar nicht.

Vielmehr habe ich beschlossen, mich nun meiner letzten noch verbliebenden Aufgabe, den Kindern, voll und ganz zu widmen. Wie bereits angedeutet hatten wir eine sehr schwierige Beziehung, was absolut meiner Krankheit geschuldet war.

Jetzt bildete ich mir ein, mit der vielen Zeit die mir plötzlich zur Verfügung stand, könne ich mich besser, weil weniger gestresst, um die beiden kümmern.

Bislang gingen die beiden nach dem Unterricht in die Betreuung der Schule und aßen auch dort zu Mittag. Da ich wusste, wie ungern sie in der Betreuung waren, bot ich ihnen an, künftig häufiger direkt nach dem Unterricht nach Hause kommen zu können.

So stellte ich mir also erst einmal mein Leben vor.

Ich kann jetzt gar nicht mehr sagen, was ich perspektivisch für die Zukunft sah. Ich wusste eigentlich, dass die Dienstunfähigkeit nur zeitlich befristet ausgesprochen wird. Falls sich mein Zustand nicht verbessern würde, drohte nach wie vor die Zwangsverrentung.

Aber lange währte diese Phase sowieso nicht, denn dann kam der 27.April.

Der schlimmste Tag in meinem Leben

Ich werde diesen Tag niemals vergessen. Er hat sich, ähnlich wie der Todestag meines Vaters, in mein Gedächtnis eingebrannt.

Die Amtsärztin hatte mich zuvor angerufen und gesagt, sie wolle mich erneut sehen bzw. sprechen. Naiv wie ich war wunderte es mich nur geringfügig, dass sie auf einen Besuch bei mir zu Hause bestand. Bislang fanden die wenigen Gespräche in ihrem Büro statt.

Mittags um 12 Uhr wollte sie kommen. Ich sagte ihr, dass ich maximal bis 13.30 Uhr Zeit hätte, da meine Kinder aus der Schule kämen und ich ihnen (seit neustem) Mittagessen kochte.

Als es dann um 12 Uhr schellte stand ich daher in der Küche und bereitete einen Zwiebelkuchen vor. Damit wollte ich den Kindern eine Freude machen, da sie dies seit kurzem mochten.

Vor der Tür standen neben der Amtsärztin, mein Vorgesetzter, eine Kollegin aus dem Jugendamt, die Suchtberaterin und ein Kollege aus dem Ordnungsamt.

Ich weiß noch genau, dass ich selbst zu diesem Zeitpunkt irgendwie nicht ahnte, dass etwas ganz schreckliches passierte. Wir setzten uns ins Wohnzimmer und sprachen erst einmal über meine schöne Wohnung.

Wie absolut skurril angesichts dessen was sie mir im Folgenden mitteilten.

Hier hört jetzt meine detailgetreue Schilderung kurz auf. Wie bereits beschrieben stand ich unter Schock.

Man sagte mir, ich würde in eine Klinik zwangseingewiesen, was die Anwesenheit des Mitarbeiters aus dem Ordnungsamt erklärte. Die Kinder würden von Andreas aus der Schule abgeholt und vorerst auch bei ihm bleiben.

Eine Klinik hatte man absurder Weise noch nicht kontaktiert. Dies erfolgte dann von meinem Festnetzanschluss aus. Eine Situation, die mich heute fast schmunzeln lässt, wäre dieser Tag nicht der Beginn meines Absturzes.

Die seitens der Amtsärztin favorisierte Klinik für psychische Erkrankungen lehnte ob meines geringen Gewichtes die Aufnahme ab.

Es blieb ihnen tatsächlich nichts anderes übrig, als mich im hiesigen Krankenhaus unterzubringen.

Ich sollte eine Tasche für den Klinikaufenthalt packen. Auf die Frage, ob ich jemanden anrufen wolle fiel mir natürlich nur meine Schwester ein. Ich habe ja sonst niemanden. Aber dazu später.

Zu diesem Zeitpunkt weinte ich bereits unaufhörlich. Gefühlt hielt dieser Zustand mit wenigen Unterbrechungen mindestens bis August an.

Ich wurde also tatsächlich nach dem PsychKG untergebracht. Bislang kannte ich das Verfahren nur aus dem dienstlichen Zusammenhang, meine Klientel betreffend.

Der Kollege aus dem Ordnungsamt fragte sogar ob ich freiwillig mitkäme. Ich sah seine Handschellen.

Mit einem Rettungswagen fuhren wir die wenigen Meter bis zum Krankenhaus.

Dort kam ich auf die Intensivstation. Man machte diverse Untersuchungen. Blutwerte wurden überprüft. Mit Ultraschall wurde die Funktion sämtlicher Organe überprüft und ich weiß nicht mehr was man sonst noch veranlasste.

Irgendwann kam dann auch Rabea, meine Schwester.

Ich lag mit einer anderen Frau in einem gar nicht wirklich abgegrenzten Raum. Dort sollte ich bleiben. Für mich ist es unvorstellbar, mir mit einem Fremden ein Zimmer zu teilen. Ich beschwerte mich massiv, bat Rabea, alles in Bewegung zu setzen, um mir ein Einzelzimmer zu besorgen.

Vertröstet wurde ich auf den nächsten Tag. Vorerst müsse meine lebensbedrohliche Situation beobachtet werden. Ich bekam Infusionen und einen Dauer-EKG über Nacht. Ein absolut gestresst wirkender Arzt der Neurologie, ein Psychater vielleicht, kam, um im Kurzgespräch meine Suizidgefährdung abzuklären.

Abends brachte Rabea mir auf meinen Wunsch meinen Lieblingssalat vom Griechen. Das Abendessen war bis zu diesem Tag meine einzige tägliche Mahlzeit, die ich auch extrem genoss. Sogar in dieser Situation war mir dies wichtig.

Geschlafen habe ich in der Nacht gar nicht. Nur geweint. Bis dahin kannte ich regelrechte Weinkrämpfe nicht. Dies änderte sich schlagartig und wiederholte sich in den folgenden Monaten ständig.

Erinnern kann ich mich an die mir gegenüberliegende ältere Dame, die unaufhörlich sagte, ich müsse doch nicht so viel weinen.

Am folgenden Morgen erschienen Rabea und die Kollegin des Jugendamtes.

Allerdings kann ich mich nicht daran erinnern, dass letztere wohl länger mit mir gesprochen hat.

Gerade diese Kollegin konnte ich bis dahin richtig gut leiden. Daher hat mich im weiteren Verlauf ihr Verhalten maßlos enttäuscht. Sie hat ihren Dienst getan und mich als Mensch fallen lassen.

Endlich wurde ich in das von mir gewünschte Einzelzimmer verlegt, auf der Station für Inneres. Das Krankenhaus hatte gerade einen Anbau fertig gestellt, der Privatpatienten vorbehalten ist. Die Zimmer ähneln denen eines richtig guten Hotels. In dieser angenehmeren Umgebung entspannte ich etwas.

Und dann geschah etwas, was jedem, der die Erkrankung nicht kennt, lächerlich vorkommen mag. Für mich ist es ein einschneidendes Erlebnis, vielleicht der Beginn einer dauerhaften Veränderung meines Essverhaltens.

Ich bestellte ein Frühstück in Form eines Nutellabrötchens! Ein Schalter in meinem Kopf war durch die traumatischen Vorfälle umgelegt.

Jetzt muss ich doch schon an dieser Stelle kurz auf mein Essverhalten bis zu diesem Zeitpunkt eingehen. Frühestens um 16 Uhr trank ich einen Milchkaffee, natürlich mit Süßstoff, und frühestens um 21 Uhr zelebrierte ich dann mein Abendessen, was tatsächlich üppig ausfiel. Selbstverständlich bestand dies jedoch nur aus erlaubten Lebensmitteln.

Vor 16 Uhr und zwischendurch aß ich nichts und trank nur Wasser. Wenn ich nichts schreibe meine ich auch wirklich gar nichts. Ich hätte nicht einmal ein zuckerfreies Bonbon gelutscht.

Und jetzt ein ganzes Brötchen! Mit Margarine und nicht wenig Nutella. Ich glaube, sogar Zucker in den Milchkaffee gegeben zu haben. Und ich aß mit Genuss.

Auf einmal ging das. Mir ist nicht ganz klar, wie lange ich kein ganzes Brötchen mehr gegessen hatte, bestimmt weit über 10 Jahre.

Im Krankenhaus waren alle Pflegerinnen sehr fürsorglich und nett. Da ich beschlossen hatte, zu essen, ermöglichte man mir, meinen etwas unüblichen, weil vom Krankenhausalltag abweichenden Essvorlieben nachzukommen.

So durfte ich spät frühstücken. Statt des Mittagessens wünschte ich mir am frühen Nachmittag Kuchen und abends bestellte ich einen großen Salat, diesen jedoch anders als zuvor mit verbotenen Zutaten wie beispielsweise Käse oder Thunfisch.

Ich aß von jetzt auf gleich dreimal am Tag!

Der Chefarzt äußerte schon Besorgnis, ob mein Körper dies überhaupt verkraften würde. Er tat es beschwerdefrei.

Wie schon so oft zuvor, auch und gerade in der Schwangerschaft, hörte ich den Ausspruch, wie zäh ich doch sei. Sämtliche Befunde der Untersuchungen vom Vortag waren offensichtlich recht unbedenklich, angesichts des lebensbedrohlich geringen Gewichts. Vielleicht hatte sich mein Körper einfach über all die Jahre, Jahrzehnte, an den Nahrungsmangel gewöhnt.

Zu diesem Zeitpunkt bildete ich mir ein, ich müsse lediglich weiteressen und alles würde wieder gut. Nicht, dass dieses „einfach weiter essen“ einfach wäre. Aber in den Tagen damals im Krankenhaus war ich so wild entschlossen, dass kein Zweifel aufkam, es durchzuziehen.

Klar war mir recht schnell, dass ich einem Klinikaufenthalt jetzt wohl nicht mehr aus dem Weg gehen konnte. Grob geschildert sah meine naive Vorstellung so aus, dass ich mir selbst eine Klinik suchen würde, nur weiter essen müsste und ich dann ganz schnell meine Kinder wieder bekäme.

Wenn ich zu diesem Zeitpunkt auch nur ansatzweise geahnt hätte, wie furchtbar alles verlaufen würde, dass wirklich gar nichts mehr je wieder so seien würde wie zuvor, wahrscheinlich hätte ich mein neues Essverhalten sofort wieder eingestellt.

Nachmittags kam eine Richterin. Man hatte mich nach dem PsychKG gegen meinen Willen eingewiesen. Es handelte sich insofern um eine Form der Freiheitsberaubung, die einer richterlichen Anordnung bedarf. Unglaublich, dass ich mich tatsächlich einmal in einer solchen Situation wiederfinde.

Was ich letztendlich wie so vieles nicht ganz verstehe ist die Tatsache, dass ich unter Betreuung gestellt wurde. Irgendwie haben mich die Ereignisse überrollt, so dass ich auch die Anordnung der Betreuung einfach hinnahm. Leider vergaß die Richterin, mich über die nicht unerheblichen Kosten einer Berufsbetreuung aufzuklären und darauf hinzuweisen, dass im Falle der Ausführung der Betreuung durch eine von mir benannte Person aus dem privaten Umfeld keine Kosten anfallen.

All das erfuhr ich erst später.

Da sich mein Verhältnis zu Rabea recht kompliziert darstellt habe ich im ersten Moment gedacht, eine neutrale Betreuung könnte von Vorteil sein. Diese Fehleinschätzung hat mich fast 2.000 € gekostet, obwohl die Betreuerin absolut nichts für mich machen musste, da ich alles –wie üblich mit meinem ausgeprägten Kontrollwahn- selbst in die Hand nahm.

Ab dem ersten Abend in dem Einzelzimmer bekam ich Schlaftabletten, die ich auch nahm. Meine Einstellung zu Medikamenten wird von äußerster Vorsicht und Skepsis geprägt. Schmerztabletten nehme ich wirklich nur bei ganz starken Kopfschmerzen, die ich zum Glück fast nie habe.

Neben der Schlaftablette sollte ich ein Antidepressivum und eine Magentablette nehmen. Beides habe ich aus den oben genannten Gründen abgelehnt. Unglaublich, dass man mir ohne vorherige Gespräche mit einem Psychologen ein Antidepressivum geben wollte. Auch hatte ich in keiner Weise Magenprobleme.

Ich bin grundsätzlich völlig abgeneigt, bewusstseinsverändernde Medikamente einzunehmen. Das macht mir Angst. Eventuell liegt diese Angst darin begründet, dass ich mit 12 Jahren einmalig eine Erfahrung mit einem Beruhigungsmittel machte. Nachdem mein Vater so plötzlich gestorben war, gab man mir eine solche Tablette und ich empfand die Wirkung als schrecklich. Ich war weiterhin traurig, konnte aber nicht weinen, weil ich mich quasi wie in Watte verpackt, absolut distanziert von den Geschehnissen um mich herum wahrnahm. Es war so als würde ich mich selbst von außen betrachten.

Der Umstand, dass ich nunmehr die Schlaftablette dankend annahm zeigte meine Verfassung. Ich hatte Angst davor, die Augen zu schließen. Abends werden bekanntlich alle Probleme des Tages größer. Schon tagsüber wurde ich von immer wiederkehrenden Weinkrämpfen erfasst. Ununterbrochen dachte ich an meine Kinder. An Schlaf wäre daher nicht zu denken gewesen.

Letztlich habe ich bis zur Aufnahme in der Klinik in Berlin, Schlaftabletten genommen, auch wenn ich schon befürchtete, damit in die nächste Sucht abzudriften. Wenigstens dieses Szenario bewahrheitete sich nicht.

Insgesamt blieb ich ungefähr 5 Tage im Krankenhaus. Nachdem der Chefarzt feststellte, dass ich tatsächlich begonnen hatte, regelmäßige Mahlzeiten zu mir zu nehmen, schenkte er mir viel Vertrauen. So durfte ich das Krankenhaus tagsüber verlassen, um Dinge aus meiner Wohnung zu holen oder spazieren zu gehen. Eigentlich bin ich gerne wieder zurück in das schöne Einzelzimmer gegangen. Man kümmerte sich dort so lieb um mich und zu Hause erinnerte das leere Haus ganz schlimm an die Kinder.

In diesen Tagen fing bereits das Problem an, was mich bis heute begleitet und für die nicht endende Traurigkeit sorgt.

Ich musste mit Andreas und dem Jugendamt darum kämpfen, die Kinder sehen zu dürfen.

Was ich bis heute nicht verstehe, ist die ablehnende Haltung des Jugendamtes mir gegenüber. Natürlich haben meine Kinder ganz furchtbar unter der Situation, meiner Krankheit und meinem dadurch bedingten Verhalten gelitten. Von einem Jugendamt hatte ich jedoch erwartet, dass man die Krankheit als Ursache meines Handelns erkennt und mich nicht einfach als schlechten Menschen abtut. In meiner beruflichen Vorerfahrung mit dem Jugendamt habe ich immer erlebt, dass beispielsweise den drogen-, oder alkoholabhängigen Elternteilen jede Menge Verständnis entgegen gebracht wurde. Mir gegenüber habe ich gar kein Verständnis gespürt.

Eigentlich hätte das Unnaer Jugendamt den Fall sofort aufgrund von Befangenheit abgeben müssen, schließlich habe ich Tür an Tür mit den Kollegen gearbeitet. Aber man ließ sich Zeit. So viel Zeit, dass ich in meiner Not sogar durch den später beauftragten Rechtsanwalt Schritte androhte.

Einen Besuchskontakt im Krankenhaus konnte ich schließlich erkämpfen. Auch musste Andreas, anders als von ihm gewünscht, nicht dabei sein.

Situationsbedingt machten die Kinder einen etwas verschreckten, irritierten Eindruck, als sie mich während meines Frühstücks besuchten. Aber ansonsten genoss ich den Besuch sehr. Sie sahen, dass ich nicht „krank“, an Schläuchen oder Geräten angeschlossen im Bett lag. Was sie dachten, als sie mich essend sahen, vermag ich nicht zu beurteilen.

Ich blieb letztendlich nur einige wenige Tage im Krankenhaus. Der nette Chefarzt, der mir so viel Vertrauen entgegenbrachte, hatte bereits angedeutet, dass ich in Kürze seiner Meinung nach entlassen werden könne. Eigentlich fühlte ich mich dort ganz gut aufgehoben. Jedoch war klar, dass ich nun doch auf schnellstem Weg in eine, auf die Krankheit spezialisierte Klinik, gehen musste.

Grundsätzlich bin ich jemand, der Dinge nicht aufschieben kann. Auch ging ich zu diesem Zeitpunkt naiv davon aus, dass ich –je schneller ich aus einer stationären Therapie käme- wieder mit meinen Kindern in das alte Leben zurück käme.

Daher bat ich den Arzt um eine recht schnelle Entlassung. Vereinbart wurden regelmäßige Vorsprachen bei ihm mit Gewichtskontrolle, in Erinnerung habe ich diese sogar zweimal wöchentlich. Mir kam das sehr entgegen, da ich beabsichtigte, meine Waage zu Hause sofort abzugeben. Ich war in allem wild entschlossen, man könnte schon sagen übermotiviert. Mein Leben sollte sich nicht weiter, wie es sich zuvor dramatisch zugespitzt hatte, um das tägliche Wiegen kreisen. Rabea hatte mir versprochen, die Waage an sich zu nehmen.

Meine frühe Entlassung sorgte bei Andreass gesamter Familie wieder für enorm viel Kritik und Ablehnung. Kein Mensch versteht dort, dass ich in der inneren Abteilung des ortsansässigen Krankenhauses absolut deplatziert war, da sich dort kein Arzt mit dem Krankheitsbild auskennt. Aber die Mühe sich mit der Thematik auseinander zu setzen oder vielleicht auch einfach mal mit mir darüber zu sprechen machte sich in Andreass Familie natürlich niemand.

Kliniksuche / Berlin

Die folgende Zeit zu Hause sehe ich recht klar vor mir. Ich stand nonstop unter Strom.

Akribisch und in der mir eigenen krankhaft kontrollierten Art setzte ich mein neues Essverhalten um. Wobei die Zeiten von mir geradezu verbissen eingehalten wurden. Ein richtig lockerer Umgang damit ist bis heute nicht möglich. Erklären kann ich dies später, wenn ich die Magersucht näher beschreibe.

Dann fing ich sofort an, im Internet nach Kliniken zu suchen. Dabei habe ich extremen Wert darauf gelegt, Kliniken zu finden, die nicht schon vorweg von einer mehrmonatigen Aufenthaltsdauer sprachen. Ebenso wichtig war mir die schnellstmögliche Aufnahme sowie ein Einzelzimmer. Undenkbar ist für mich die Vorstellung, mit einer fremden Person dauerhaft zusammen zu sein und keinerlei Privatsphäre mehr zu haben.

Leider gestaltete sich die Suche sehr schwierig. Einige Kliniken ließen mich erst seitenlange Vordrucke ausfüllen. Mir ging das alles viel zu langsam.

In den Tagen zu Hause habe ich noch mehr geweint als zuvor. Abends bin ich zum Essen immer in irgendein Lokal gefahren, da ich die Vorstellung zu Hause zu sein, nicht ertragen habe. Wenn ich jemanden fand habe ich mich verabredet. Das Vermissen der Kinder nahm beängstigende Züge an. Zum Glück konnte ich wieder Fahrradfahren. Bereits das eine Kilo das ich durch mein neues Esseverhalten zugenommen hatte ermöglichte mir schon wieder sportliche Aktivitäten. Treppen zu steigen war kein Problem mehr, ich bekam wieder ganz normal Luft. Allein durch das Gewicht von 34 statt 33 kg. Dazu kam eventuell auch die permanente Anspannung unter der ich stand. An Schlaf ohne Tabletten wäre in dieser Zeit nicht zu denken gewesen.

Hätte ich damals geahnt, dass der ganze Absturz auch zu riesigen finanziellen Problemen führen würde, wäre ich kaum jeden Abend raus gegangen.

Wenn ich vom Essen zurück kam bin ich fast täglich noch zu Rabea gegangen, die ja nur drei Häuser weiter lebte, um mich auszuweinen. Rabea und Michael waren mir in der Zeit bzw. in dem vergangenen Jahr eine riesige Hilfe.

Irgendwann in dieser Zeit schaffte es dann auch die Betreuerin der Diakonie, Kontakt mit mir aufzunehmen. Wir verabredeten einen Besuch bei mir.

Sicherlich war die Betreuerin sehr nett. Ich zeigte mich auch kooperativ, merkte jedoch sofort, dass ich nicht wirklich wusste, worin ihre Hilfe bestehe sollte. Ich glaube noch heute wäre ich in keiner stationären Einrichtung gelandet wenn ich mich auf ihre Hilfe verlassen hätte. Ohne ihr einen Vorwurf machen zu wollen sind ihre zeitlichen Möglichkeiten einfach mehr als dürftig. Während ich das ganze Wochenende mit der Kliniksuche beschäftigt war und auch täglich oft über Stunden mit den Kliniken telefoniert habe war sie von Freitagmittag bis Montag nicht im Büro.

In diesem ersten Gespräch erfuhr ich dann von den auf mich zukommenden Kosten der Betreuung. Sofort stellte ich daraufhin den Antrag, die Betreuung von Rabea durchführen zu lassen. Warum ich nicht grundsätzlich beantragt habe, die Betreuung an sich aufheben zu lassen, kann ich gar nicht sagen. Wahrscheinlich dachte ich, das sei nicht möglich. Es dauerte tatsächlich mehrere Wochen, bis wir offiziell den Bescheid erhielten, dass die Berufsbetreuung endet. Bezahlen musste ich diese jedoch bis zu diesem Zeitpunkt. Tätig war die Dame genau dreimal, bzw. hatten wir drei Gespräche. Ein Klinikvorschlag kam von ihr, als ich mich bereits in der von mir ausgesuchten Klinik in Berlin befand. Auch dieser Teil der Geschichte ist so unsinnig.

Ich hatte es tatsächlich geschafft, nach endlosen Telefonaten, auch mit den behandelnden Ärzten, eine Akutklinik in Berlin zu finden, die mich sofort aufnehmen wollte. Noch mit der Sorge, dort eventuell kein Einzelzimmer zu bekommen fuhr ich los.

Dass es ausgerechnet eine Klinik in Berlin war, ist ein glücklicher Zufall gewesen. Wenn man angesichts der ganzen traurigen Ereignisse von Glück sprechen kann. Ich liebe die Stadt und freute mich darüber, meine Bekannte dort treffen zu können. Insgesamt hatte ich bei Berlin ein gutes Bauchgefühl. Monika hatte ich in der ersten psychosomatischen Klinik in Waren kennengelernt. Dort bin ich mit den Kindern nach der Trennung von Andreas gewesen. Eine Zeit, die mir sehr viel bedeutet, an die ich noch heute oft denke.

Mein Wunsch, vor der Abreise die Kinder noch einmal sehen zu dürfen führte erneut zu einem Kampf mit Andreas und dem immer noch tätigen Unnaer Jugendamt.

Wir durften uns dann für eine Stunde sehen. Ich ging mit den Kindern in ein Eiscafe. Dort aß ich zum ersten Mal in meinem Leben einen großen Eisbecher. Noch heute habe ich den Geschmack auf der Zunge. Auch wieder ein Erlebnis, das sich kein „normaler“ Mensch vorstellen kann. Obwohl ich regelrecht Angst vor dem Kontakt mit den Kindern hatte war es eine sehr schöne Stunde. Die beiden wirkten nach kurzer Zeit –wie schon im Krankenhaus- recht locker und haben viel erzählt.

Der Abschied war dann zwar traurig, jedoch ging ich davon aus, dass sie mich besuchen würden. Wieder wird mir an dieser Stelle meine völlig naive Fehleinschätzung der Lage deutlich.

Irgendwie erschien mir die Fahrt nach Berlin auch wie eine Flucht aus dem alten Leben. Ich dachte, etwas gesammelter und auch schwerer nach einigen Wochen zurück zu kommen. Unser gemeinsames verändertes Leben stellte ich mir wie einen positiven Neustart vor.

Bereits in den Telefonaten mit dem Arzt hatte ich erfragt, von welcher Aufenthaltsdauer man dort ausginge. So wie von alle anderen Kliniken auch wurde keine verbindliche Aussage getroffen. Gemerkt hatte ich mir aber, dass er von einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 4 bis 8 Wochen sprach. Damit konnte ich leben, wobei ich sicherlich eher an die untere Grenze denken wollte.

Der plötzliche Aufnahmetermin führte natürlich zu noch mehr Stress, da ich zu Hause alles für eine längere Abwesenheit regeln musste. Das Gepäck ließ ich verschicken. Mein Rad nahm ich mit. Letztlich dachte ich in einer der Warener Einrichtung ähnlichen Klinik zu landen. Dort hatte man jede Menge Freiräume, so dass die Mitnahme des Rades Sinn gemacht hätte.

Da ich in Milans Klasse die Pflegschaftsvorsitzende bin und ein Abschlussfest anstand, musste ich dahingehend auch noch viele Dinge regeln, Aufgaben übertragen.

Alles in allem waren die Tage bis zur Abfahrt daher super anstrengend. Was mich weder von der Einhaltung meiner strengen Mahlzeiten abhielt noch von der wahnsinnigen Traurigkeit ablenkte.

Den letzten Abend verbrachte ich mit Rabea und Michael im Biergarten. Michael brachte mich am nächsten Morgen sogar zum Zug.

Ich kann meine Stimmung als ich morgens im Zug nach Berlin saß kaum beschreiben. Irgendetwas zwischen Flucht und der Hoffnung, dass man mir endlich helfen würde. Die auf mir lastenden Probleme erdrückten mich geradezu.

Gut, dass ich in dem Moment nicht wusste, dass ich erst am Anfang einer langen Zeit mit ständig wachsenden Sorgen und immer neuen Katastrophen stand.

Die Einrichtung stellte sich als Krankenhaus heraus, dass so gar nichts mit der psychosomatischen „Wohlfühlklinik“ in Waren, in die ich nach der Trennung von Andreas floh, gemein hatte.

Man nahm mich sehr freundlich auf. Mehr als erleichtert erhielt ich dann doch ein Einzelzimmer. Es folgten die üblichen umfangreichen Aufnahmeuntersuchungen. Auch der Arzt, mit dem ich schon zahlreiche Telefonate geführt hatte, kam und erklärte mir grob, das weitere Vorgehen bzw. seinen Plan, wie man sich dort um mich kümmern werde.

Sehr entgegenkommend zeigte man sich hinsichtlich meiner Essgewohnheiten. Auf meinen Wunsch hin durfte ich im Zimmer alleine essen und auch den Rhythmus beibehalten. Erfreulicher Weise zwang man mich nicht, an zahlreichen Gruppentherapien oder anderen Aktivitäten teilzunehmen.

Mir erschien es unmöglich, mich mit dem Leid meiner Mitpatienten zu beschäftigen oder überhaupt Kontakt zu Fremden aufzunehmen. Ich war völlig in meinem Drama gefangen, hatte keine Kraft für neue Kontakte.

Ganz anders als in Waren wollte ich nur für mich sein. Damals hatte ich mich regelrecht auf meine Mitmenschen gestürzt. Da ich recht kommunikativ bin und gut auf andere Menschen zugehen kann, öffnete ich mich in Waren und integrierte mich in die Gruppe. Die Gruppengespräche habe ich genossen. Oft fühlte ich mich nach den Schilderungen der anderen Schicksale fast fehl am Platz, weil mir mein eigenes Leid dann immer unbedeutend erschien. Nur durch die Rückmeldung der Gruppe erfuhr ich, dass es jedem so ging.

Hier in Berlin blieben sämtliche Mitpatienten unbekannte für mich, die ich lediglich auf dem Flur bzw. bei der Essensausgabe traf. Die totale Abschottung.

Natürlich fühlte ich mich extrem einsam. Wieder einmal dachte ich viel über den Unterschied von Alleinsein und Einsamkeit nach. Mit den Mitpatienten in Kontakt zu treten hätte das Gefühl des Alleinseins eventuell geschmälert, nicht jedoch die Einsamkeit.

Dazu bedarf es den Kontakt mit Freunden und Vertrauten. Meine Kinder fehlten mir so stark.

Mit viel Ärger, Streit und Diskussion erreichte ich schließlich –immer noch unter Einschaltung des Unnaer Jugendamtes- zwei wöchentliche Telefonkontakte mit den Kindern. Diese verliefen schrecklich, da die Kinder ungern telefonieren und immer vorgaben, nichts erlebt zu haben, also absolut wortkarg blieben. Aus ihrer Sicht war dies sicherlich richtig, aber sollte ich deshalb gänzlich auf den Kontakt verzichten? Ich war zuvor Tag und Nacht mit den beiden zusammen, wusste alles von ihrem Leben. Das Loch war überdimensional und führte zu permanenten Weinkrämpfen.

Immerhin schaffte ich es in der Klinik, von den Schlaftabletten wegzukommen. Ich bekam ein hochdosiertes Baldrianpräparat und einen wirklich gut wirkenden Beruhigungstee.

Ich erhielt drei wöchentliche Einzeltherapiegespräche, jedoch jeweils nur halbstündig, was ungewöhnlich ist und auch kaum Sinn macht. Immer wenn man einen Gedanken entwickelt hat, war die Zeit bereits um. Trotz alledem freute ich mich auf diese Gespräche. Der Therapeut war mir auch sympathisch.

Ansonsten habe ich anfänglich unter der strikten Ausgangsregelung gelitten. Darauf war ich auch in keiner Weise vorbereitet. Ich erkämpfte mir eine Stunde Ausgang am Tag. Zu Hause hatte ich mich schon gedanklich Berlin erkunden sehen. Die strikte, mir auch überhaupt nicht logisch erscheinende Reglementierung hat zu Problemen in der ersten Woche geführt. Ich fühlte mich zu meinem ganzen Kummer auch noch eingesperrt.

Erneut stellte ich unter Beweis, dass meine Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit zu Erfolg führt. Recht schnell erweiterten sich meine Ausgehzeiten. Die Klinik lag direkt neben dem Schlosspark, den ich auch außerhalb meiner ausgehandelten Ausgehzeiten aufsuchen durfte. So verbrachte ich Stunden in diesem Park, wenn ich nicht zu Fuß den ganzen Stadtteil erkundete. Mein Rad schien ich umsonst mitgenommen zu haben.

Insgesamt traute man mir keinerlei Bewegung zu, da man mein Gewicht nach wie vor lebensbedrohlich fand. Wieder wurde mir klar, dass mein Körper offensichtlich in all den Hungerjahren auf einem anderen Programm lief, als sich die dortigen Ärzte dies vorstellen konnten. Ich fühlte mich durch das neue Esseverhalten so fit und leistungsfähig wie schon lange nicht mehr. Aber das konnte ich den Ärzten dort nur bedingt begreiflich machen.

Übermotiviert zeigte ich mich, ähnlich wie in Waren, in Sachen Gewichtszunahme. Ich wurde jeden zweiten Tag gewogen. Das führte am Tag vor dem Wiegen zu Stress. Spätestens beim Abendessen habe ich mehr in mich reingestopft als verträglich war.

Erstaunlich ist auch hier wieder wie langsam man zunimmt. Von einer eingeschränkten Mahlzeit auf drei lässt vermuten, dass es mit dem Gewicht rasant bergauf geht. Dem ist nicht so. Bereits in der Zeit zu Hause hatte ich ja gegessen und lediglich ein Kilo zugelegt. In Berlin kam ich dann insgesamt in den vier Wochen dort auf 4 bis 5 Kilo. Erklärt wurde mir das unter anderem damit, dass meine Organe zuvor auf Sparflamme liefen –ständig drohte mir offensichtlich akutes Organversagen- und viel Energie jetzt für deren Normalbetrieb benötigt wurde.

Zum Glück fühlte ich mich mit Ausnahme der Stopferei an manchen Abenden gut mit dem steigenden Gewicht. Ich interpretiere das jetzt so, dass ich annahm, mit jedem zugelegten Kilo einer Lösung meiner Probleme näher zu kommen, so als verringere jedes Kilo die Distanz zu den Kindern.

Endlich stimmte der Arzt auch mal erweiterten Ausgehzeiten am Wochenende zu, so dass ich mich mit Monika treffen konnte. Ich wollte natürlich abends mit ihr zum Essen rausgehen, was eigentlich im Interesse der Ärzte gewesen sein müsste. Aber auch diese Freiheit musste wieder hart erkämpft werden.

Insgesamt waren wir dreimal abends zusammen weg, was ich sehr genoss. Einsamkeit verschwindet eben im Zusammenhang mit Freunden.

Die Abwärtsspirale nimmt ihren Lauf

Neben dem Vermissen der Kinder stellte sich dann ein weiteres Problem dar. Ich bekam ein Schreiben von Andreass Anwalt in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich künftig keine Unterhaltszahlungen mehr erhielte. Selbstverständlich war mir schon klar geworden, dass Andreas die Zahlung des Kindesunterhalts auf Dauer einstellen wird. Trotzdem traf mich der anwaltliche Schriftwechsel mehr als hart, erhöhte meine Verzweiflung enorm. Nicht erwartet hatte ich zudem, dass er auch die Zahlung des Ehegattenunterhalts einstellen wollte.

Ungeachtet der Einstellung, die man zu dieser Unterhaltsthematik haben kann empfinde ich es auch heute noch als grenzwertig, mich noch in der Klinik damit zu konfrontieren. Gesagt hatte Andreas ständig, ihm sei wirklich an meiner Genesung gelegen. In meinen Augen ein totales Fehlverhalten. Zum Glück teilten auch die Ärzte meine Meinung und baten Andreas bzw. seinen Anwalt schriftlich, mich für die Dauer der stationären Behandlung mit solchen Belangen zu verschonen.

Beruhigt hat mich dies nur geringfügig. Bewusst war mir jetzt ja, dass ich zu allem anderen nunmehr auch vor finanziellen Riesenproblemen stand.

Dazu muss man sagen, dass ich ein wahnsinnig hohes Sicherheitsbedürfnis habe. Dies spiegelt sich auch in meinen Finanzen wieder. Sparen ist für mich die Grundlage für Sorglosigkeit. Immer genug auf die Seite legen zu können, um im Notfall nicht mittellos da zustehen, bedeutet mir so viel, dass ich seit je her auf vieles verzichtet habe. Wobei mir jetzt erst klar geworden ist, wie extrem gut ich trotzdem zuvor gelebt habe. Letztlich ist der Notfall inzwischen eingetreten, was jedoch nicht dazu führt, dass ich meine Reserven angreifen kann.

Mich beschäftigten also ab diesem Moment weitere Probleme.

Ich sollte eigentlich stolz darauf sein, trotz all der Anhäufung von negativen Geschehnissen, weiter gegessen zu haben.

Tatsächlich wunderten sich auch die Ärzte über mein konsequentes Essen. Oft hörte ich, bislang ihre erste Patientin mit Magersucht zu sein, die tatsächlich nicht nur vorgibt zu essen sondern dies auch tut. Ansatzweise spürte ich etwas mehr Vertrauen von Seiten der Ärzte.

Die Tatsache so weit weg von den Kindern zu sein und vor einer in jeder Hinsicht ungewissen Zukunft zu stehen machte es mir letztlich unmöglich, noch länger in Berlin zu bleiben. Ich hatte für mich beschlossen, nach vier Wochen abreisen zu wollen und bat die Ärzte entsprechend darum.

Meines Erachtens half mir eine ambulante Therapie zu Hause mehr. Und weiter essen konnte ich dort auch. Inzwischen hatte ich mit meinem Wunschtherapeuten Kontakt aufgenommen und von diesem die Zusage erhalten, dass er mich als Patientin annehmen werde.

Leider konnte ich die Ärzte nicht überreden, den Entlassungsbericht positiv zu formulieren und meine Gewichtszunahme sowie meine psychische Stabilisierung deutlicher hervorzuheben als die Tatsache, dass sie eine längere Behandlung favorisierten.

Ich wusste bereits, dass sowohl gegenüber dem Arbeitgeber als auch im Rahmen des Unterhaltsprozesses vorteilhaft gewesen wäre, wenn nicht wieder betont würde, dass ich die Entlassung wünsche.

Aber ich fuhr nach Hause.

Erst einmal setze ich wieder alles daran, die Kinder sehen zu dürfen. Da ich drei Tage nach der Rückkehr Geburtstag hatte fand ihr Besuch an diesem Tag statt. Ich habe mich so gefreut die beiden zu sehen hatte aber andererseits auch richtige Angst davor. Zumal unser Treffen in ihrem alten zuhause stattfand. Die Wohnung wirkte so verlassen und einsam auf mich, alles erinnerte mich an die beiden. Ihre Zimmer schaffte ich kaum zu betreten.

Der Besuch verlief zum Glück schön, sie haben viel erzählt und wirkten nicht allzu angespannt.

Erinnern kann ich mich leider nicht mehr daran, wie es dann weiterging mit den Besuchskontakten. Noch in Berlin erfuhr ich, dass der Fall nun endlich von meinen Unnaer Kollegen an ein auswärtiges Jugendamt abgegeben worden sei. Mit dem zuständigen Sachbearbeiter habe ich auch noch aus Berlin Kontakt aufgenommen. In der irrigen Annahme, dass dieser neutral sei und auch meine Position verstehen kann habe ich mit ihm telefoniert und einen umfangreichen Brief geschrieben. Ich verstehe einfach nicht, warum ich von den beteiligten Jugendämtern so abgelehnt wurde und mir gar kein Verständnis entgegen gebracht wurde. 

Wieder dachte ich, als Drogenabhängige dort bessere Chancen auf Unterstützung zu finden. Hört und liest man nicht überall, wie wichtig der Kontakt von Kindern zu beiden Elternteilen sei? Warum unterstütze mich bzw. unsere Familie denn niemand darin wieder zueinander zu finden? Ich war der Überzeugung, die Kinder bräuchten dringend Hilfe, um das Geschehene verarbeiten zu können. Auch Andreas sah das zwar. Da jedoch seitens der Kinder deutlich signalisiert wurde, dass sie zu keinen weiteren Besuchen bei der Erziehungsberatungsstelle bereit seien, wurde das Thema abgeschmettert. Die Hilfe der Erziehungsberatungsstelle haben wir jahrelang in Anspruch genommen, aber dazu komme ich später. Offensichtlich war dies daher zu negativ belastet.

Um über den künftigen Kontakt zwischen den Kindern und mir zu sprechen vereinbarten Andreas und ich einen ersten Termin bei dem zuständigen Sachbearbeiter des Jugendamtes, Herrn D..

Von Anfang an spürte ich dessen Vorbehalte mir gegenüber. Eingestehen muss ich sicherlich, dass ich geradezu überempfindlich reagiere, insbesondere bei diesem Thema. Im Verlauf der weiteren Besuche bei Herrn D. stellte sich aber deutlich heraus, auch für Außenstehende messbar, dass ich in ihm auf keinen Fall einen Fürsprecher finden würde oder zumindest jemanden, der sich in meine Gefühle hineinversetzen kann. Von Neutralität kann man in keiner Weise sprechen.

Ich erfuhr, dass die Kinder gegenüber Andreas geäußert hätten, mich wöchentlich sehen zu wollen, für drei Stunden. Das traf mich wie ein Hammer. Wie auch immer die beiden auf drei Stunden gekommen sind, bleibt dahingestellt. Ich muss jedenfalls seitdem damit leben, was mir sehr schlecht gelingt. Gefühlt würde ich sagen, dass mein Sohn derjenige ist, der tatsächlich den Kontakt auf dieses Mindestmaß beschränken möchte. Wobei ich unsicher bin, ob sich meine Tochter in ihrer verschlossenen Art einfach nicht traut, dies zu äußern und eigentlich genauso denkt.

Es wurden also die ersten Besuchskontakte und in einem längeren Abstand ein neuer Termin bei dem Jugendamt vereinbart.

Ich schlug vor, an den Wochenenden gemeinsam mit den Kindern zu frühstücken. Zum einen weil das Frühstück eine für mich gänzlich neue Mahlzeit war, die ich bis heute regelrecht zelebriere. Darüber hinaus ist es sehr schwierig, die Kinder für irgendwelche Aktionen zu begeistern. Alters- und typenbedingt kann man sagen, dass sie in einer „null-Bock-auf-gar-nichts“- Phase stecken. Gemeinsame Mahlzeiten können gut gemeinsam vorbereitet werden und beim Essen, was bei mir sehr lange dauert, finden Gespräche statt.

Da sie konfirmiert werden sollen, mussten sie im Rahmen der Vorbereitung regelmäßig an den sonntäglichen Gottesdiensten teilnehmen. Ich habe schon im Krankenhaus entdeckt, dass mir der Gottesdienstbesuch gut tut. Daher gingen wir ab jetzt fast immer gemeinsam in die Kirche, um im Anschluss spät und lang zu frühstücken.

Das hat sich im Wesentlichen bis heute nicht verändert, nur dass der gemeinsame Kirchgang entfällt. Die Kinder haben leider keine Verbindung zur Kirche gefunden und das Thema mit der Konfirmation abgehakt.

Ich muss das Haus aufgeben / Umzug

Zu der Wohnsituation hatte ich mir bereits in Berlin Gedanken gemacht. Jetzt kann ich über meine damaligen Pläne auch nur traurig den Kopf schütteln. Ich ging tatsächlich davon aus, dass die Kinder wieder zu mir zurückkommen würden. Es sei nur eine Frage der Zeit. Da die Unterhaltszahlungen alle wegfielen hatte ich ein großes finanzielles Problem. Um das angemietete Reihenhaus halten zu können, würde ich an meine Ersparnisse gehen müssen. Ich setzte mir eine Frist von einem halben Jahr. Der Zeitraum erschien mir lang genug. Die Kinder sollten alles Geschehene verkraften, merken dass ich mich tatsächlich verändert habe. Irriger Weise ging ich davon aus, dass sie dann wieder den Wunsch verspüren würden, mit mir zusammenleben zu wollen. Hörte man nicht immer und überall, dass alle Kinder ihre Mutter lieben?

Nein, dem ist wohl nicht so. Zumindest spüre ich etwaig vorhandene Gefühle bei den Kindern nicht und das schmerzt so stark, dass ich es oft kaum aushalte.

Wenn ich meine damaligen Gedanken und Pläne heute aus der Rückschau betrachte schäme ich mich geradezu ob meiner Naivität. Dass ich die Situation völlig falsch eingeschätzt habe, ist mir dann doch recht schnell bewusst geworden. Offensichtlich hat mein Einfühlungsvermögen bzw. mein Gespür mich nicht gänzlich im Stich gelassen.

Es stand also ein Wohnungswechsel an. Eine weitere neue Baustelle, eine riesige Herausforderung. Bei der Anmietung des Hauses dachte ich, dort zu leben, bis die Kinder auszögen. Mit Ausziehen habe ich den Beginn ihres eigenständigen Lebens beispielsweise die Aufnahme eines Studiums in einer anderen Stadt vor Augen gehabt.

Ich hatte sehr viel in das Haus investiert, unvernünftig viel angesichts der Tatsache, dass es sich um ein Mietverhältnis handelte. Durchbrüche hatte ich selbst finanziert, den Garten und die Terrasse umgestaltet, eine Wand hochgezogen und sämtliche Räume gestrichen oder tapeziert. Ich wollte uns ein tolles Heim schaffen, ging davon aus, dort mindestens 10 Jahre zu wohnen.

Gerademal vier Jahre sind es dann geworden.

Ich habe schon immer sehr viel Wert auf Wohnen gelegt. Ganz konkrete Vorstellungen und ein verlässliches Bauchgefühl haben mich bei allen von mir angemieteten Wohnungen geleitet. So ging ich auch jetzt die Wohnungssuche an.

Alles was ich angehe mache ich irgendwie mit einer wahnsinnigen Energie die schon an Verbissenheit und grenzt. Ich weiß gar nicht woher ich damals die Kraft nahm. Insbesondere weil der Anlass so unsagbar traurig war und ich gefühlsmäßig eigentlich gar keinen Wohnungswechsel wollte. Ich stand völlig unter Strom. Auch sehr schnell stellte ich fest, dass meine finanziellen Mittel noch nicht einmal ausreichten, eine Wohnung anzumieten, die auch nur ein Zimmer für die Kinder bereithielt.

Realistisch und vorsichtig rechnete ich mit dauerhaft ausbleibenden Ehegattenunterhaltszahlungen. Hinsichtlich meines Verdienstes ging ich zwar noch davon aus, wieder arbeiten gehe zu dürfen, jedoch war ich auch skeptisch was die Wochenarbeitszeit anbelangte. Zuletzt hatte ich 25 Wochenarbeitsstunden. Ungewiss erschien wann und ob ich die Stundenzahl erhöhen könnte. Also rechnete ich erst einmal mit dem tatsächlich vorhandenen Geld. Aus der Rückschau kann ich jetzt sagen, dass diese Entscheidung genau richtig war.

Nach einer eigentlich nicht wirklich langen Wohnungssuche hatte ich dann etwas gefunden, was mir voll und ganz zusagte. Absagen und die damit verbundene Enttäuschung habe ich in der Phase kaum verkraftet.

Wenn man aus einer Wohnung mit 120 qm in eine genau halb so große Wohnung zieht muss man sich von so vielen Möbeln und Dingen trennen. Auch hatte ich in der neuen Wohnung nur noch einen kleinen Balkon, also mussten auch sämtliche Gartenmöbel und alles was sonst noch draußen stand weg. Der Keller der neuen Wohnung war ebenfalls winzig, an Lagern war somit auch nicht zu denken.

Damit eröffnete sich die nächste Baustelle. Jetzt begann eine grauenhafte Zeitspanne von ungefähr 2 Monaten bis zum Umzug.

Mit Rabeas Hilfe habe ich alles versucht, zu verkaufen was ich nicht mitnehmen konnte. Wenn ich alles sage, meine ich nicht nur Mobiliar. Ich verkaufte sogar Geschirr, Teppiche, Elektrogeräte, Duschtrennwände, Schmuck und ich weiß nicht was noch alles.

Problematisch war der Verkauf der Küche, die ich nicht in die neue Wohnung mitnehmen konnte.

Die Probleme und zu erledigenden Aufgaben erschlugen mich fast. Und dies alles in meiner sowieso schon schrecklichen Verfassung. Oft waren so viele Menschen in dem Haus, um sich angebotene Dinge anzusehen, dass ich den Überblick verlor.

Schrecklich war vor allem der Verkauf sämtlicher Sachen, die die Kinder betrafen. Einige wenige Möbel nahmen sie mit in ihr neues zu Hause. Von allen Spielsachen oder Erinnerungsstücken trennten sie sich wie mir schien problemlos. Mein Eindruck war, dass sie mit dem Haus nur negative Verbindungen hatten und quasi Ballast loswurden.

Ich hauste letztendlich in halb leeren Räumen, fühlte mich immer unwohler, so dass ich den Umzug –obwohl aufgezwungen-am Ende herbeisehnte.

Tatsächlich fühlte ich mich mit dem ersten Tag in den neuen Räumen etwas besser.

Das unglaubliche wird wahr / Vorruhestand

Parallel zu dem Wohnungswechsel und allen damit verbundenen Erledigungen musste ich mich den weiteren Probleme „Dienstfähigkeit und Unterhaltsrechtsstreit“ stellen.

Nach der Rückkehr aus Berlin erhielt ich die Vorladung zu einer neuen amtsärztlichen Untersuchung. Auch die Amtsärztin, die meine psychische Verfassung beurteilen sollte, lud mich zu einem Gespräch ein.

Der Amtsarzt trat mir mit einer ablehnenden Haltung entgegen, war absolut distanziert. Während der gesamten Untersuchung richtete er kein Wort an mich. Die Untersuchung war sehr umfangreich.

Der Aufforderung den Entlassungsbericht der Berliner Klinik vorzulegen kam ich anfänglich nicht nach. Zum einen hatte ich Angst, dass lediglich mein eigener Entlassungswunsch fokussiert würde und die Stabilisierung und Gewichtszunahme nebensächlich bewertet würde.

Darüber hinaus war ich der Meinung, die Behörde und auch meinen Arbeitgeber gingen die Details meiner psychischen Verfassung nichts an.

Im Gespräch mit der Amtsärztin habe ich den Fehler gemacht, völlig offen über meine krisenhafte Situation zu sprechen.

Skurril finde ich bis heute, dass meine schlechte psychische Verfassung, die ganzen neuen Probleme allein darauf beruhten, dass man mich von Seiten des Arbeitgebers gemeinsam mit den Amtsärzten dienstunfähig geschrieben hatte, mich zwangseingewiesen und allem voran die Kinder weggenommen hatte.

Die eigentlichen, der Magersucht zugrundeliegenden psychischen Probleme, konnten weder von den Therapeuten in Berlin noch von meinem hiesigen Therapeuten thematisiert werden. Es galt nur die aktuellen, täglich auf mich einstürzenden Probleme zu besprechen.

Jetzt, nach einem ganzen Jahr, fange ich an, mit meinem Therapeuten wirklich zu arbeiten.

Es dauerte Wochen, bis die Stellungnahmen beider Amtsärzte vorlagen.

Ein weiterer Tiefschlag. Beide bescheinigten mir dauerhafte Dienstunfähigkeit. Allein die diesem vernichtenden Urteil zugrundeliegenden Gutachten zu erhalten, erforderte schon wieder neue Kämpfe.

Ich beschloss, im Anhörungsverfahren selbst eine Stellungnahme abzugeben, um zum Ausdruck zu bringen, dass ich die Beurteilung der Amtsärzte nicht akzeptierte.

Ferner bat ich sowohl den Therapeuten als auch meinen Hausarzt um Gegengutachten. Die Untersuchung vom Hausarzt brachte unter anderem ein völlig anderes Ergebnis hinsichtlich des Belastungs-EKG’s. Während ich beim Amtsarzt morgens vor dem Frühstück offensichtlich nicht die geforderte Fitness zeigte, machte ich beim Hausarzt die Untersuchung nicht mit leerem Magen und schnitt gut ab. Man bestätigte mir von mehreren Seiten, dass ein Belastungs-EKG nie vor dem Frühstück durchgeführt werde. Auch die Blutwerte erschienen dem Hausarzt unbedenklich. Von einer Dienstunfähigkeit konnte und wollte er unter keinen Umständen sprechen. Meine beiden Ärzte betonten vielmehr, dass meine Genesung die Aufnahme einer sinnvollen Tätigkeit geradezu voraussetzen würde. Schließlich stand ich vor dem Nichts, ohne Arbeit und ohne Kinder hatte ich furchtbare 24 Stunden Zeit, mich mit meiner Traurigkeit auseinander zu setzen.

Auch danach vergingen weitere Monate. Inzwischen hatte ich, um allen Argumenten der Amtsärzte etwas entgegen setzen zu können, auch den Entlassungsbericht aus Berlin beigebracht.

Eine weitere Untersuchung wurde angeordnet. Schlussendlich kam man wieder zu dem Ergebnis, ich sei dienstunfähig.

Erneut war mindestens das Ergebnis des Belastungs-EKG nicht zu werten. Diesmal hatte ich darauf bestanden, nach dem Frühstück untersucht zu werden. Jedoch sollte ich aus dem Stand auf höchster Stufe in die Pedale treten, was mir nicht gelang. Mindestens gegen dieses Ergebnis hätte ich also vorgehen können.

Mir stand nunmehr aber nur noch der Rechtsweg offen. Ich hätte also neben den noch laufenden Unterhaltsprozessen ein weiteres Gerichtsverfahren führen und vor allem bezahlen müssen. Mir fehlte einfach die Kraft dazu.

Somit wurde ich jetzt, ein Jahr nach dem Wechsel der Kinder in den Haushalt von Andreas, in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Ab diesem Zeitpunkt reduzierte sich mein Einkommen auf die Pension. Die Aufnahme einer Nebentätigkeit war unausweichlich.

Wenn ich diese neuerliche Katastrophe aufschreibe kommt es mir noch immer völlig unwirklich vor. Ich fühle mich so gesund wie lange Zeit zum Ende meiner Diensttätigkeit schon nicht mehr.

Ich bin seit Monaten wieder im Fitnessstudio und kann an den Aerobic-Kursen besser teilnehmen als je zuvor. Um meinen schrecklich leeren Tag zu füllen, habe ich zudem entdeckt, dass körperliche Anstrengung super hilfreich ist. So habe ich an den Tagen an denen ich nicht zum Kurs gehe entweder lange Radtouren oder witterungsbedingt unglaubliche Spaziergänge gemacht. Den ganzen Winter über habe ich bei jedem Wetter mindestens zwei bis drei Stunden draußen verbracht.

Ich wage zu bezweifeln, dass so mancher meiner ehemaligen Kollegen eine vergleichbare körperliche Fitness vorweisen kann.

Immer mehr festigt sich bei mir der Zweifel daran, dass der Arbeitgeber mir wohlgesonnen ist. Auch durch Gespräche mit Freunden erwächst die Gewissheit, dass man mich aus dem Arbeitsleben schieben wollte. Ich verstehe einfach nicht warum. Ich bin sicherlich nicht fehlerfrei habe aber absolut gewissenhaft und zuverlässig gearbeitet. Kranktage gab es nicht. Dieses Unverständnis verstärkt meine Niedergeschlagenheit und nährt die stetig wachsenden Selbstzweifel.

Immerhin habe ich recht schnell einen netten Nebenjob gefunden. Wehmutstropfen dabei bleibt die geringe wöchentliche Arbeitsstundenzahl, die leider unter dem mir möglichen Umfang liegt.

Wieder verloren / Unterhalt

Genauso lang wie die Entscheidung hinsichtlich meiner Dienstunfähigkeit zog sich der Unterhaltsprozess hin.

Auch dahingehend fiel erst jetzt, ein ganzes Jahr später die Entscheidung.

Der Prozess hat mich noch mehr Kraft gekostet als die Arbeitsfrage. Auseinandersetzungen mit Andreas gehen mir nach all den Jahren der Trennung sehr nah, was mich in diesem Ausmaß selbst verwundert. Zudem betraf das Verfahren auch meine finanzielle Situation, was erklärt warum ich so litt.

Anfänglich ging ich tatsächlich davon aus, dass meine Chance von Unterhaltszahlungen befreit zu werden oder zumindest nur geringfügige Beträge zahlen zu müssen, ganz gut stünden. Zum einen kam heraus, dass die Einkommensdiskrepanz enorm ausfällt. Würde dieser Faktor seitens des Richters Beachtung finden, könnte es mindestens zu einer Minderung meiner Zahlungspflicht führen. Ferner ging ich davon aus, dass mein Ehegattenunterhaltsanspruch sicher sei und eine Art Aufrechnung erfolgen könnte.

Letztendlich habe ich nach einem Jahr keine Kraft mehr verspürt, den Prozess bis zum Ende auszutragen was bedeutet hätte, eventuell i die zweite Instanz gehen zu müssen.

Im Laufe des Jahres bekam ich mehr und mehr den Eindruck, der Richter würde gegen mich entscheiden. Diese Einschätzung teilte auch mein Anwalt. Wobei dieser jedoch betonte, vor dem Oberlandesgericht sähen meine Chancen viel besser aus. Ob diese Einschätzung realistisch war kann ich nicht beurteilen. Das Risiko zu tragen erschien mir zu groß, da ich auch inzwischen eine vage Vorstellung von den schlimmstenfalls auf mich zukommenden Kosten hatte.

Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich das Verfahren einfach nur noch beendet sehen wollte. Ich wollte nicht ständig anwaltliche Schreiben erhalten, die mich jedes Mal enorm aufwühlten. Auch wollte ich nicht mehr vor Gericht sitzen und diese beängstigende Situation durchleben.

Gerichtsprozesse, gerade im Unterhaltsrecht, gleichen einem „türkischen Bazar“. Man weiß weder wie der Termin verlaufen wird noch wie der Richter entscheidet.

Letztendlich bin ich also eingeknickt, von meinem eigentlichen Kampfgeist war nichts mehr übrig.

Es kam zu einem Vergleichsabschluss. Aus meinen Ersparnissen zahlte ich eine riesige Summe auf ein extra für die Kinder eingerichtetes Konto, über das sie erst nach Eintritt der Volljährigkeit verfügen dürfen. Diese Zahlungsvariante fiel mir nicht so schwer wie erwartet. Auch weil das Geld, sofern ich es nicht im Alter ausgegeben hätte, sowieso den Kindern im Rahmen der Erbschaft zugestanden hätte.

Viel schlimmer traf mich die Offenbarung, der von mir zu tragenden Rechtsanwalts- und Gerichtskosten. Ein neuer Kleinwagen hätte davon gekauft werden können.

Angst macht mir das Wissen, dass ich mir durch die Zahlung des Unterhalts lediglich bis zur Volljährigkeit der Kinder Ruhe erkauft habe.

In drei Jahren geht es wahrscheinlich von vorne los. Ein Gedanke, den ich momentan versuche, zu verdrängen.

In der Rückschau betrachtet habe ich in allen offenen Fragen verloren.

Meine Kinder bleiben dauerhaft bei Andreas und nähern sich mir nicht an.

Der Vorruhestand wurde ausgesprochen und ich musste Unterhalt zahlen.

Das sind die Fakten, mit denen ich mich heute auseinandersetzen muss. Allerdings berührt mich das alles inzwischen nicht mehr bis ins Mark. Am besten beschreiben kann ich meine aktuelle Gefühlslage mit totaler Resignation, teils mit Verbitterung. Eine Ausnahme davon stellt der Verlust der Kinder dar. Ob ich jemals darüber nachdenken oder sprechen kann, ohne sofort zu weinen bezweifle ich mittlerweile.

Ansonsten habe ich jetzt beschlossen, Ruhe in mein Leben einkehren zu lassen, bis mein Bauchgefühl mir sagt, es sei an der Zeit die Wiederaufnahme in den Dienst zu beantragen und ich genug Energie verspüre, einen etwaigen Kampf, gegebenenfalls auch vor Gericht, ausfechten zu können.

--

Das war das erste Kapitel der Geschichte von Deborah. Kapitel 2-5 findest du auf ihrem persönlichen Blog.

Wenn du Fragen oder Anregungen hast, schreib uns gerne an hello@jourvie.com und wir leiten es an Deborah weiter.

All Posts
×

Almost done…

We just sent you an email. Please click the link in the email to confirm your subscription!

OKSubscriptions powered by Strikingly